Band 
Fünfter Band.
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46 Frankreich und Paris nach der Februarrevolution.

sah da Vieles, was den Blick in malerischer Hinsicht ergötzte, aber nichts, waS denGeist durch etwas Schönes erheben oder durch etwas Gewaltiges erschüttern konnte.Ein großer Menschenhaufe war da, nicht um vaterländisch und bürgerlich zu trauern,oder nur um republikanisch zu empfinden, sondern um zu sehen oder zu hören, undin der zweiten Minute zu vergessen, was er in der ersten sah und hörte. Merkwür-dig erschien die allgemeine, ungestörte Ruhe und Ordnung während des ganzen TagSunter der ungeheuern Masse von Menschen, die sich gewiß auf mehr als eine halbeMillion belies, und größtentheils dieselbe war, welche eben eine Monarchie zertrüm-mert hatte. Man hörte keine Stimme des Unwillens, geschweige denn der Rache;sondern Alles hielt sich in Ton und Unterhaltung gesetzt und friedlich. Die Ord-nung herrschte unter den Zuschauern durch sich selbst, ohne Zwang der Polizeisol-daten und Municipalgardisten, die seit dem 24. Febr. in Paris nicht mehr existirten,und war wunderbarerweise so vollkommen, als ob die vielen Tausende dieser unge-geheuern Volksmenge sich stillschweigend verabredet, die Feierlichkeit nicht zu stören.

Von der Schnelligkeit, mit welcher nach einem gänzlichen Umsturz obrigkeitlicherGewalten die Dinge und Menschen wieder in ihr Geleis zurückkehrten, kann sichüberhaupt nur Der einen Begriff machen, welcher es selbst erlebt hat. Man weiß,wie vieles preßhafte und faule Gesindel in einer Stadt wie Paris zusammenfließt;man weiß, wie es selbst der thätigsten Polizei unmöglich wird, einen Ort, wo übereine Million Menschen sich zusammen bewegt, von solchem heillosen Gesindel zu rei-nigen. Dazu nehme man die 66000 eingeschriebenen Hausarmen, ebenso viele beijedem Unfall mittellose Menschen, und an 30000 erklärte Gauner und Spitzbuben, sohat man einen Haufen beisammen, vor dem Einem schaudern kann, selbst wenn mandie Gewißheit hat, daß er despotisch streng beaufsichtigt ist. Nun denke man sichdiesen Haufen zu einer Zeit, wo alle Anstalten der Polizei, alle zügelnden und bän-digenden Gewalten der Gesellschaft gelähmt sind, und man muß staunen, daß jeneswilde Heer nicht im ersten Moment der Fessellosigkeit aus seinen Schlupfwinkeln her-vorgebrochen und sengend und brennend über das unbewachte Paris hergefallen ist.Trotz eines Zusammentreffens von solchen Elementen und Umständen lies Alles wun-derbar glimpflich ab: so mächtig ist die Wirkung des täglichen Lebens, die Nothwen-digkeit und das Bedürfniß des Verkehrs, vielleicht auch der Gutmüthigkeit, Liebens-würdigkeit und Ehrenhaftigkeit des französischen Charakters im Allgemeinen. Diefranzösische Bank, wo Berge von Gold und Silber angehäuft liegen, war im Gan-zen nur einige Stunden geschlossen. Als man am 24. Febr. Morgens dicht dabeiBarrikaden zu bauen anfing und der Portier den Thorweg zumachen wollte, hinder-ten ihn daran die Insurgenten, mit dem Bedeuten, daß sie es selbst thun würden,wenn es ihnen nöthig schiene. Am andern Morgen zahlte die Bank nach wie vorbei offenen Bureaux, ohne eine Schildwache vor der Thür, und ihre Kassendienergingen mit vollen Geldsäcken auf der Schulter ruhig über die Straße, als wärenichts vorgefallen. Gleich in den ersten Tagen nach der Revolution las man an.den Straßenecken, unter den Proklamationen der provisorischen Regierung und denpatriotischen Ergießungen aller Art, Anschlagzettel mit Versprechungen von Prämien,die dem Finder verlaufener Hunde und verlorener Pretiosen geboten wurden, wenner sie wiederbringe. Bei dem gerade eintretenden schönen Wetter strömte alle Weltnach den Spaziergänger!, besonders nach den Elyse'eischen Feldern, wo in den Nach-mittagsstunden Alles, wie sonst, im fröhlichen Leben und Strudeln war, die Neben-alleen voll von Lustwandlern, und der Hauptweg der Mitte angefüllt mit Reiternund Spazierenfährenden in offenen Kaleschen; sogar die kleinen Ziegenequipagen fürKinder, die Polichinellbuden und andere unschuldige Zeitvertreibanstalten, die dortihre kleinen Fmanzspeculationen aus die Gutmüthigkeit der Pariser gründen, fehltennicht. Die Theater öffneten Abends wieder ihre Kassenbureaux, konnten aber gegendie Stücke, die den Tag über umsonst in den Straßen spielten, keine rechte Concur-renz halten. Gleichzeitig klappten die Kaufmannsläden nach Art der Muschelthiereihre Schalen wieder aus, und kehrten die Pracht der Waaren wieder heraus. An*