Frankreich und Paris nach der Februarrevolution. 47
fangs waren diese Läden geschlossen und todt, während in allen Stockwerken Lichterbrannten, wohinter sich eine Unmasse von Angst versteckte. Man wür froh, gaber auch vor Plünderung und Blutvergießen. V.-le sahen schon d,e Gu.llot.ne surbeständig auf dem Cvncordeplatz ausgeschlagen, und Samson s Schatten störte ihreFreudennä'chte. Man erinnerte sich mit Schrecken an Das, was man umangst mden Zeitungen gelesen, nämlich daß Jemand ein Mittel aufgefunden, zwei Kopse aufeinmal abzuhauen; man stellte ein Licht mehr vors Fenster und gmg zu Zette, vonängstigenden Träumen umgaukelt. , . . ...
Die glimpfliche Aufführung des Volks nach dem Siege und d:e Abschaffungder Todesstrafe in politischen Dingen beruhigte einigermaßen die Muthlosesten, -"lanhatte keine Angst mehr, geplündert und guillotinirt zu werden; aber man hatte Angst,ich weiß nicht, vor was; man war unruhig, mismuthig, verstimmt, wie gepeinigt;nie hatte man so viel und doch so wenig zu thun. Ganz Paris war auf den Stra-ßen und Plätzen ausgegossen; Zusammenkünfte, Ceremonien, Reden, Feste, Alleshatte einen populaicen, massenhaften Anstrich von unerhörtem Charakter. Balle,Concerte, Soireen hatten natürlich aufgehört. Nichts wäre langweiliger gewesen alsgesellige Vergnügungen. Dennoch verstrich die Zeit rasch, und der Tag reichte nichtaus zu den mannichfachen Obliegenheiten, obschon die Arbeiten von Regierungswegenvermindert wurden. Man lebte wie im Feldlager, stets in Waffen. Einheimischeund Fremde ließen sich in die Nationalgarde einschreiben, die plötzlich von 50000auf 150000 Mann anwuchs. Zu den 14 Legionen der stehenden Nationalgardekamen, in Folge eines Beschlusses der provisorischen Regierung, 24 Bataillone mo-biler Nationalgarde, etwa 24000 Mann, die nach Truppenart besoldet, zum Feld-dienst eingeübt und in öffentlichen Gebäuden einquartiert wurden. Es waren fastlauter junge Leute, 15—18jährige Bursche, vielfach sogar noch Knaben, die bei Erneu-ten am fleißigsten und unverdrossensten mithalfen. Durch das Abschöpfen dieses Re-volutionsschaums und die Anwerbung der ausgelassenen, unthätigen pariser Straßen-jugend, die am Knall von Flintenschüssen sich berauscht wie an einer Musik und inden Tod rennt wie in ein Schauspiel, erzeugte die provisorische Regierung der Ge-sellschaft zweierlei Dienste: sie nahm dem Gassenausruhr seine Recruten weg undgewann sie für die neue Republik. Der ruhige Fortschritt der Revolution gewanndadurch sehr. Die Soldaten der jungen Miliz bezogen freilich, trotz des Gleichheits-princips, eine ungleich höhere Löhnung als die Linientruppen, waren aber auf ihrenPosten eifrig für die Sache der Ordnung beschäftigt, und fühlten sich dazu angetrie-ben durch den Patriotismus der Bürger von jedem Stande und Range, die seit dem24. Febr., in Ermangelung von Polizei und Garnison, alle Polizei- und Truppen-dienste verrichteten, und für die öffentliche Ruhe und Sicherheit, für ihren Herd undLaden, ihre Weiber und Kinder wachten. Die treffliche und vernünftige Einrichtung,die dem Bürger selbst zu behüten gibt, was ihm das Theuerste, war aber in derLänge nicht durchzuführen, wie Alles, was die Nothwendigkeit oder die Begeisterungdes Moments hervorruft. Der Umstand, daß der bewaffnete Dienst mit den Erwerbs-geschäften unverträglich, erzeugt in jedem Staate mit der Zeit einen besondern Stand,der den Auftrag erhält, für die öffentliche Sicherheit zu wachen, und dafür besoldetwird. In den alten Republiken waren zwar alle Bürger auch Krieger; aber dieseBürger ließen ihre Felder und Weingärten durch Sklaven bauen, ihre Tücher undStoffe von ihren Weibern, Töchtern und Sklavinnen verfertigen; sie lebten wie derpolnische Edelmann vor Jahr und Tag. Die pariser Nationalgarde schützte allerdingsdie neue französische Republik vor solchen Mord- und Gräuelscenen, wie sie in derersten Republik vorfielen, mußte aber darüber alles Andere versäumen, und würde beilängerer Dauer dieses Zustandes bald nichts mehr zu behüten gehabt haben. Wun-derbar bleibt es, daß eine Stadt, mit einer Volksmenge wie Paris, sich so ganz alleinund so gut bewachte. Selbst in der ersten Zeit, wo alle Welt von Diebs- undMordbrennerbanden, von Gefahren und Spitzbübereien redete, welche die allgemeineSicherheit bedrohen sollten, lebte und ging und that man Alles in der größten Sicher-