M Frankreich und Paris nach der Februarrevolution.
andern übersprang. DaS veränderliche Märzwetter, wobei Augenblicke von Frühlings-sonnenschein mit düstern Wolken und fürchterlichen Regengüssen abwechselten, zeigteein getreues Abbild von Dem, waS die Herzen und Kopfe der Bürger bewegte.Himmel und Gemüther standen im seltsamsten Einklänge. Es gab in Paris gewißkeinen Menschen, der den Tag über nicht wenigstens zehnerlei verschiedene Eindrücke .hatte, der nicht am Morgen in peinlicher Beklemmung verzagte, am Mittag in ge-wisser Hoffnung Alles gerettet sah, am Abend in trostloser Verzweiflung Alles ver-loren gab. DaS vorherrschende Gefühl bei diesem aufreibenden Hin- und Herschwan-ken zwischen Extremen war die Angst. Das Guillotinefieber, um da- Ding beimrechten Namen zu nennen, grassirte in unerhörtem Maße. Nicht blos die Salons,auch die Ateliers, die Fabriken, die Comptoirs gingen zu, und das baare Geld ver-minderte sich zusehends, umsomehr, da selbst die Bank einige Monate vorher anbaarem Gelde Mangel gehabt, und sich blos durch die aus Rußland eingelaufenen80 Millionen in Gold- und Silberbarren einigermaßen wieder aufgeholfen hatte.Bei der Furcht vor einer allgemeinen Auseinandersetzung verschwanden zugleich mitdem baaren Gelde auch die Wechsel, die im gewöhnlichen Geschäftsverkehr eine un-berechenbare Menge geprägter Münze ersetzen. Der Wechselkurs erreichte in kurzerZeit eine fabelhafte Höhe. Ein Regierungödecret hatte festgesetzt, daß die BankzettelLm Handel nach wie vor als baareS Geld angenommen werden müßten; machte manaber Einkäufe, so weigerten sich die Kaufleute auf einen Fünfhundensrancszettel wie-der herauszugeben. Unter solchen Umständen kam natürlich der Wucher in Flor.Wollte man 1000 Francs in Papier gegen Silber oder die gleiche Summe Thaler gegenLouisdor auswechseln, so schämten sich die Wechsler nicht, im ersten Falle 250, imletzten 200 Franc- Agio zu fodern. Der papierene Bau der Börse stürzte mitschreckender Erschütterung zusammen. Die fünfprocentige Rente stand zwar noch nichtwie im Jahre 1797 auf 6 Franc- 16 Centimes, drohte aber soweit herunterzukom-men, wenn die angerissene Fallsucht einigermaßen anhielt.
Am 7. März, als die seit dem 24. Febr. geschlossene Börse wieder aufging,stand die fünfprocentige Rente noch 93 Francs 25 Centimes, fiel aber am 9., d. h.am dritten Borsentage, aus 73, vom 9. bis zum 15. auf 68, und vom 15. biszum 31. auf 59 Franc- 50 Centimes. Die ungeheure Masse von Actien allerArt, die einen Werth von wenigstens zwei Milliarden repräsentirten, sank noch un-verhältnißmäßiger im Curse, und blieb als problematisches Capital in den Porte-feuille- der reichen NentierS und Banquiers liegen. Ein so außerordentliches SinkendeS Werths aller Effecten, worauf die vorsichtigsten Rechenmeister nicht gefaßt wa-ren, verbreitete in der Borsenwelt schreckliche Bestürzung. Vier der größten Ban-quierhäuser, Gouin, Laffitte-Blount, Baudon und Ganneron, fallirten. Eines derallergrößten bat die Regierung um eine Anleihe von einigen Millionen, und drohteseine Zahlungen einzustellen, wenn seine Bitte kein Gehör fände. Der Sturz diesesHauses riß unfehlbar Hunderte in- Verderben. Die Regierung berieth lange hinund her, hatte aber keine Millionen, und konnte also keine Herleihen. Zum Glückerbebte jenes HauS nur von dem fürchterlichen Stoß, welchen ihm die allgemeineErschütterung in dem Zustande deS Kreditwesen- versetzte; es blieb auf seinen Fun-damenten stehen, und strafte Diejenigen Lügen, welche mit aller Bestimmtheit Zeitund Stunde prophezeiten, wann es fallen müsse. Man hörte den ganzen Tag vonHandelsunglück sprechen und über Geldnoth jammern. Wenn alle Klagen undSeufzer, die man damals täglich und stündlich über dieses Thema vernahm, auf ein-mal lautgeworden, so wäre ein Wehegeschrei erschollen, welches man von einemEnde des Landes bis zum andern gehört hätte. In der kleinen Cirkulation fehltees, weil Niemand seine Produkte gehörig verkaufen, gegen Geld umsetzen konnte,da es dem sonst gewöhnlichen Käufer an Geld oder Kauflust gebrach. Im Großenwar ebenfalls Mangel, weil die reichen Geschäftsleute ihre Portefeuille- voll Staats-schuldscheine, Nentencoupons, Eisenbahnactien u. s. w. hatten, die nur mit bedeuten-