186 Die deutsche Nationalversammlung.
land berufe." Diese Mittheilung komme von einem deutschen Minister*), welchenBlum jedoch nicht nannte. HanS von Auerswald, der biedere preußische Soldat,der eine solche Behauptung für eine schwere Beschuldigung der Redlichkeit des ber-liner Cabinets hielt, wandte sich hierauf um Aufklärung an den Freiherr» Heinrichvon Arnim, den Minister der auswärtigen Angelegenheiten, und erhielt von demsel-ben die-.Antwort: „Die preußische Regierung habe niemals einer deutschen Regierungden Rath ertheilt, die Nationalversammlung durch Landtage in den einzelnen Staa-ten zu schwächen." Hierauf gestützt, und indem er zugleich die Note des Herrnvon Arnim an Sachsen-Meiningen, die Veranlassung des ganzen Handels, demParlament vorlegte, verlangte Auerswald, es möge eine förmliche Misbilligung derWorte Blum's ausgesprochen werden (8. Juni). Blum vertheidigte sich nicht ohneGeschick; indessen war seine Stellung schwierig, da er den Namen des MittheilerSnicht nennen durfte, und die diplomatischen Archive ihm nicht zugebotestanden,um aus ihnen den Beweis der Wahrheit zu führen. Soviel stand fest: ob ein soschlauer Rath offen ertheilt, oder ob er nur als Andeutung zugeflüstert worden, je-denfalls war es doch mehr als Zufall, daß, so viele Regierungen, und zwar haupt-sächlich die vorn preußischen Einfluß abhängenden, in Wirklichkeit so handelten, alSiväre ihnen eine Weisung geworden. Überdies leugnete der preußische Minister nurdie von Blum gar nicht behauptete Ertheilung eines Raths ab, nicht das Ausspre-chen einer Ansicht; und trotzdem, daß das mitgetheilte Schreiben an Meiningenvon Beidem nichts enthielt, ließ es sich bei der feinen Unterscheidungskunst, die derDiplomatie eigen ist, keineswegs behaupten, daß Dieses nicht stattgefunden, weil Je-nes in Abrede gestellt wurde. Solche Folgerungen indessen behagten dem Parla-mente nicht, das noch in dem Blütenmond seines Vertrauens auf die Regierungenstand. Lichnowsky fand großen Beifall, als er mit scharfen Hieben den „Rückzug"des leipziger Abgeordneten, wie er es nannte, überfiel, und zuletzt die berühmt ge-wordene Foderung aufstellte: jeder Redner müsse für seine Behauptungen die Be-weise gleich in der Tasche haben. Blum's Unstern wollte, daß Schaffrath abwehrendfür ihn auftrat, und, statt auf die Sache einzugehen, auf die Redefreiheit in St.-Paul, auf Blum's Wahrhaftigkeit pochte: „Ich hätte an das Volk appcllirt, wemes mehr glaube, Robert Blum oder dem.. Herrn von Auerswald_ Es ist Cen-
sur, wenn man ein Misfallen über eine Äußerung, die Einem nicht gefällt, hier zu
erkennen gibt- Blum hat nichts zu beweisen, denn er ist ein Volksmann. **)
Die des Volksvertrauens nicht so sicher sind, die haben zu beweisen." SolcheGründe, solche Logik mochten wol die Zuhörerbühnen, die sich überhaupt zu oft un-befugtes Eingreifen in die Verhandlungen gestatteten, zum „stürmischen Bravo"hinreißen; ein Parlament zu überzeugen, waren sie schwerlich geeignet. Die Ver-sammlung ging über den Gegenstand zur Tagesordnung über. Der Stachel blieb aberin den Gemüthern zurück, und die Linke fühlte sich umsomehr verletzt, als sie wohlwußte, daß Blum sich mit Recht auf die Mittheilung eines Ministers berufenkonnte, dessen Äußerung obendrein durch die Ereignisse eine unleugbare Bestätigungerhielt.
Debatte über Schaffung einer deutschen Kriegsflotte; Verhandlung über Gründung einer
provisorischen Centralgewalt.
WaS um diese Zeit die Parteien am tiefsten aufregte, war die Gründung einerprovisorischen Centralgewalt für Deutschland, die an die Stelle des machtlos gewor-denen Bundestags treten sollte. Während der Vorbereitungen für diese wichtige An*gelegenheit beschäftigte sich die Versammlung mit den Verhältnissen Posens, Schlei
*) Die Vermuthung ging damals auf das Haupt der würtembergischen Regierung, ^Römer.
**) Die stenographischen Berichte sind an dieser Stelle, wie an mancher andern, nicht gansgetreu.