Band 
Fünfter Band.
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220 Die ungarische Revolution im Jahre 1848.

gewiesen seien. Ebenfalls auf Kossuth's Antrag beschloß der Reichstag, den Königzu ersuchen, baldmöglichst den siebenbürgischen Landtag einzuberufen, damit dem näch-sten ungarischen Reichstage Vorschläge über die langgewünschte definitive Vereinigungbeider Lander unterbreitet werden konnten; desgleichen sollte der König um eine Am-nestie für die polnischen und italienischen Gefangenen ersucht werden.

Indessen verfolgte der Reichstag nicht in Allem diese entschieden liberale Rich-tung. Kaum waren jene Männer, welche seit Jahren als die entschiedensten Vor-kämpfer der Freiheit galten, anS Ruder gelangt, so offenbarten sie eine Politik, dienicht über das Maß des alten vormärzlichen Liberalismus hinausging. Diese Er-scheinung findet ihre Erklärung in dem Umstände, daß der liberale Aufschwung inUngarn weniger selbstcigener Zweck, als vielmehr Mittel zur Erreichung nationalerZwecke gewesen war. In der Reichstagssitzung vom 18. März hielt Kossuth demAdel, „welchem allein Ungarn sein Bestehen und seine Erhaltung verdanke", einewarme und begeisterte Lobrede, deren sich kein vorma'rzlicher Romantiker zu schämenbrauchte. Und als er von dem nächsten Reichstage sprach, der aus wahrhafte Volks-vertretung begründet sein solle, verwahrte er sich ausdrücklich dagegen, daß er hier-mit dem Adel zunahetreten wolle. Er beabsichtige nur, daß fernerhin auch die Na-tion mit dem Adel gehe; aber stets werde dieser der Führer der Nation bleiben.Diese conservative Gesinnung manifestirte sich auch in einigen Gesetzen, welche nochdieser Reichstag und das neue Ministerium zustandebrachten. Schon im Beginndes Reichstags war eine Commission niedergesetzt worden, die unter Szemere's Prä-sidium ein Preßgesetz entwerfen sollte. Die Arbeit war schon 1847 beendet, ge-langte aber erst nach dem 15. März zur Verhandlung. Szemere, ein warmer Ver-ehrer französischer Institutionen, hatte sich Ludwig Philipp's Preßgisetze zum Vor-bild genommen und in dieser Weise einen Gesetzentwurf ausgearbeitet, der diePresse viel schlimmer bedrückte als die härteste Censur. Der Entwurf stellte für dieHerausgabe von Zeitschriften Cautionen auf, die in dem an Geld und Lesern so armenUngarn einem Verbote gleichkamen: 20000 Gulden Conventionsmünze für ein täg-lich, 10000 für ein zwei mal wöchentlich erscheinendes Blatt, 4000 sogar für dieAufstellung einer Buchdruckerpresse u. s. w. Das Preßgesetz wurde vom Reichstageangenommen, aber noch am Abend desselben Tags vom Volke auf der Promenadezu Presburg, am nächsten Abend auf dem Freiheitsplatze zu Pesth öffentlich ver-brannt. Der Reichstag setzte in Folge dessen die Cautionen aus die Hälfte herab. *)Mit derselben Engherzigkeit arbeitete man auch das neue Wahlgesetz aus. Die auf-gestellten „Qualifikationen" beraubten Tausende von Bürgern ihres Wahlrechts; dieKapacitäten waren gar nicht berücksichtigt, während selbst im vormärzlichen Feudal-ungarn die „Honoratioren" (Doctoren, Professoren u. s. w.) mit dem Adel gleichtStellung einnahmen. Auch wurde trotz der feierlich proclamirten Gleichheit die Be-stimmung getroffen, daß die ausgestellten Qualifikationen nur für den Nichtadelige^gelten sollten, wogegen alle Adeligen wahlfähig und wählbar blieben.**) Überdiesblieb neben dem neuen Repräsentantenhaus auch die Magnatentafel als Oberhaubestehen. Einige radicale Deputirte, wie Madaräß, Perczel und Kubinyi, pro^stirten gegen diese Verkürzung der Errungenschaften, drangen aber nicht durch. Ein

*) Kossuth selbst, der Schöpfer der ungarischen Journalistik, der Mann, welcher sich ^die Nation nur durch die Presse gehoben, der eines Censurvergehens halber drei lange „(1837—40) in den Kerkern der ofener Festung geschmachtet, und also den Werth der fte"Presse wol würdigen konnte, vertheidigte Szemere's drakonisches Preßgesetz mit der sophistss^^Behauptung: „Um wahrhaft wirken und nützen zu können, müsse ja jedes Journal das ^einer Partei sein; einer ganzen Partei aber werde die Aufbringung der hohen Cautien "i ^schwer fallen."

**) Einige Herren gingen unter der Maske der Volksfreundlichkeit noch weiter, llmLasten deß armen Volks zu erleichtern, beantragten sie, daß die Deputirten keine Diäten^ziehen möchten. Durch diese jesuitische Finte sollten, trotz der ausgedehntern WählbarkeitDeputirtenstellen für den Adel und die Geldaristokratie monopolisirt werden. Der Antwurde verworfen.