250 Die ungarische Revolution im Jahre 1848.
mit Ostreich indivisidililer et mseparadiliter verbindet, verbiete eine gesonderte Ver-waltung beider Lander. Der König sei demnach nicht berechtigt gewesen, im Märzeine solche an Ungarn zu gewahren, und somit sei die Ernennung des ungarischenMinisteriums wie deS Erzherzogs zum ungarischen Statthalter — ungesetzlich. „Esstellt sich sonach die unbedingte Nothwendigkeit heraus, die seit März 1848 in derungarischen Regierung angenommenen Einrichtungen nach den Bedürfnissen der Ge-sammtmonarchie und nach dem Wortlaute und Sinne der Pragmatischen Sanctionzu andern, und solche Vorkehrungen gemeinsam mit dem östreichisch-deutschen Mini-sterium zu treffen, daß die Einheit der Monarchie gesichert, die Zwecke der pragma-tischen Sanction vollständig erreicht und eine vereinte obere Staatsleitung wiederher-gestellt werde." Die Denkschrift wurde mit einem königlichen Handschreiben (Schön-brunn, 21. Aug.) an Erzherzog Stephan geschickt und von Diesem der ungarischenRegierung mitgetheilt. Man glaubte in Wien, daß Ungarn jetzt nachgiebiger sein werde,als eS im März und April gewesen. Allein die ungarische Regierung wollte auchjetzt das gute Recht der Nation um keinen Preis aufgeben. Ja, um den falschenBerichten einiger wiener Blätter zu begegnen, erklärte Franz Pulszky am 1. Sept.in Wien „im Namen deS ungarischen Ministeriums" in den wiener Zeitungen: „Beialler Bereitwilligkeit der ungarischen Nation, jede zwischen ihr und den andern Staa-ten der Monarchie etwa obwaltende Differenz auf freundschaftlichem Wege auszuglei-chen, und die künstlich und absichtlich und nicht im Interesse der Freiheit und desFortschritts aufgestachelte Gehässigkeit zwischen Völkern, die gleiches Streben undgleiche Interessen vereinigen, niederzuschlagen: könne sich doch das Ministerium, ausdem Gesammtwillen der Nation fußend, hierbei nur in den Schranken der bestehendenGesetze fördernd und thätig benehmen, und werde demgemäß in eine factische Abän-derung des Artikels III vorn Jahre 1847—48, welcher die abgesonderten ungarischenMinisterien des Kriegs und der Finanzen feststellt, nie willigen." Da somit, trotzUngarns bedrängter Lage, die Foderung des wiener Cabinets entschieden abgewiesenwurde, beschloß letzteres, die Maske abzuwerfen und Ungarn mit offener Gewaltanzugreifen.
Die Krisis; Zellachich's Einbruch und Niederlage.
Am Abend des 6. Sept. langte die Monstredeputation in Wien an. Der Em-pfang von Seiten des wiener Volks war ein freundlicher; er'erschien vielleicht nichtso freudenvoll und siegestrunken, aber inniger und herzlicher als am 15. März. Wiedamals der gemeinsame Sieg, so verbrüderte jetzt die gemeinsame Gefahr die beidenNachbarvölker. Die Spannung, welche im Laufe des Sommers zwischen Wien undBudapesth eingetreten, war geschwunden. Man hatte die guten Wiener gegen Ungarneingenommen, indem man ihnen vorhielt, daß die Ungarn keinen Theil der Staats-schuld übernehmen und dadurch einen Staatsbankrott herbeiführen, daß sie keine Trup*pen nach Italien schicken und dadurch Ostreich zum Ausgeben seiner lombardisch/venetianischen Besitzungen zwingen wollten. Die Wiener hatten eine geraume Zei*hindurch in Versammlungen und in der Presse mit der größten Erbitterung gege"die Ungarn geeifert. Jetzt endlich war ihnen die Binde von den Augen gefallen«Sie erkannten, daß ein. gemeinsamer Gegner Alle bedrohe, daß die täglich offenerund kühner hervortretende Reaction mit den Ungarn anfangen, mit den Ostreiche^enden werde. Der alte Freundschaftsbund zwischen Wien und Ungarn ward nunaufs neue geschlossen.
Die Aufklärungen, welche die Deputation von Batthyäny und Deak erhie^waren nicht sehr ermuthigend. Die beiden verantwortlichen Minister der ungarisch^Krone weilten schon zehn Tage in Wien, und hatten noch nicht vor den Kaiserlangen können. So oft sie sich an diesen wenden wollten, wurden sie an Latougewiesen, der sie mit leeren, hinhaltenden Worten abfertigte. Es ließ sich jedoch hoffe^daß man der Monstredeputation gegenüber dieses Betragen nicht zu wiederholen wagen werde. Sie erhielt auch wirklich am 7. Sept. die Zusicherung, am nächst*