Frankreich im Jahrzehnd vor der Februarrevolution. 567
gelegenheit, der Ursachen des Sturzes des Ministeriums vorn 1. März, und deßOpfers, das Thiers damals dem Könige brachte. Seit jener Zeit war Thiers sosehr verletzt, daß er, wie uns aus bester Quelle versichert worden, seit 1840 daßMinisterium zwei mal ausschlug und den: Könige erklärte: er würde nur noch beiCeremonien im Schlosse erscheinen. Jetzt sah sich Ludwig Philipp genöthigt, sichunter den Schutz der Popularität eines Mannes zu stellen, die er selbst so tief un-tergraben hatte. Thiers war, obgleich entschlossen, in ruhigen Zeiten nie mehr derMinister Ludwig Philipp's zu werden, von der Gefahr zu sehr unterrichtet worden,als daß er hätte anstehen sollen, dem Könige seine Hülfe zu gewähren. Es ist zuunserer Kenntniß gelangt, daß die Legitimisten Boten an Thiers absandten, um ihmdie Lage der Dinge übertrieben gefährlich darzustellen. Sie rechneten dabei auf seineVerzagtheit, und wollten ihn abhalten, die Zügel in die Hände zu nehmen. Derblutige Vorfall auf dem Boulevard des Capucines, den man von den Republikanernangestiftet glaubt, hatte indessen der Bewegung eine ungleich ernstere Wendung ge-geben; aber so sehr wir von der Größe derselben überzeugt sind, so fest glauben wirdoch, daß wenn Thiers in der Nacht vom 23. zum 24. Febr. das Ministeriumübernommen, die Reform ertheilt, und im Einverständnisse mit dem Marschall Bu-geaud gehandelt hätte, der Julithron, obschon ohne Ludwig Philipp, hätte erhal-ten werden können. Nach der Ertheilung der Reform wäre die Abdankung LudwigPhilipp's allerdings eine politische Nothwendigkeit gewesen; und Thiers konnte aufdiese Abdankung rechnen, nachdem der König die Reform einmal zugestanden hatte.Denn Ludwig Philipp wäre mit der Wahl- und Parlamentsreform nicht mehr der-selbe Fürst gewesen, der fast 18 Jahre lang persönlich regierte. Außerdem konnteThiers ein Ministerium unter Ludwig Philipp nur dann behalten, wenn Dieser ihmbie Initiative bei wichtigen politischen Handlungen gelassen hätte. Der König wäredann auch so nur noch ein Schatten seines frühern Ich geblieben.
Ob nun Thiers wirklich von vornherein die Absicht hatte, den König zum Ab-danken zu bringen, oder ob er die Nothwendigkeit hiervon erst später eingesehen, müs-sen wir dahingestellt sein lassen: soviel steht fest, daß Thiers, als er den Königzwischen 3 und 4 Uhr Morgens verließ, weder das Ministerium förmlich übernom-men hatte, noch in Einklang mit dem Marschall Bugeaud stand. Hieran konntenun allerdings auch der Umstand Schuld sein, daß er, ohne seine Kollegen befragtKU haben, keine bestimmte Zusage machen durfte; ferner hatte ihm der König in derAcht noch die Auflösung der Kammer, die er verlangte, nicht zugesagt. Was dasEinverständniß mit dem Marschall Bugeaud betrifft, so hatte Thiers andere Scru-pel, die wir hier auseinandersetzen müssen. Indem der König ihn rufen ließ, unddie Reform bewilligte, hatte er selbst den friedlichen Weg, den Weg der Versöhnungeingeschlagen. Bugeaud's Name aber bedeutete Krieg. Nun sollte dessen Ernennungan die Stelle der beiden untüchtigen Generale Sebastiani und Jaqueminot, zur Be-^hligung der Linie und Nationalgarde, am andern Morgen im „ölomtvur" erschei-nen; Thiers jedoch kannte die Ansichten seiner Freunde zu genau, um sie ohne ihreZustimmung in die Nachbarschaft des Marschalls Bugeaud zu setzen. Wie sehr esaiso auch mit der Ernennung eines neuen Neformministeriums eilte, so wenig kannMan Thiers verdenken, „wenn er die Ordonnanzen nicht gleich für den nächsten Mor-gen ausfertigen ließ. Übrigens hatte er eine kurze Anzeige im „Boniteur" gemacht:oaß der König ihn mit der Bildung eines Ministeriums beauftragt habe. Nun aberAlt ein offenbarer Fehler hervor. Anstatt sich den Marschall Bugeaud für alleoälle im Hintergründe zu halten, und den Parisern zu sagen: Da habt ihr dieAform, wenn ihr aber noch mehr wollt, ist der Marschall mit seinen Soldaten da,überredete man den König zunächst, die Anwesenheit der Truppen sei an der Auf-*egung des Volks Schuld, mit ihrem Rückzüge würde man erst Vertrauen in die^theilte Reform haben. Man bewog so den König wirklich, dem Marschall Bu-geaud einen allgemeinen Rückzug zu befehlen. Dieser weigerte sich, obgleich der Zu-l and der Truppen ein kläglicher war. Im Ganzen waren nicht mehr als 27000