566 Frankreich im Jahrzehnd vor der Februarrevolution.
forme" statt, in welcher man eine Art von Truppenmusterung hielt. Die Mitgliederder geheimen Gesellschaften hatten sich, weil sie sich in keinem Locale mehr zusammen-wagten, in den letzten Jahren auf freiem Felde selbst gemustert, und da sie bewaff-net und mit Schießvorrath versehen waren, so fand man an jenem Abende bei der„Nekormv", daß man über 5000 bewaffnete Menschen verfügen könnte, die durch ihrenEinfluß in verschiedenen gesellschaftlichen Kreisen noch eine weit größere Masse mitsich fortreißen mußten. Man hatte sich übrigen- schon früher das Wort gegeben,selbst wenn man in den Provinzen zerstreut wäre, bei wichtigen Gelegenheiten nachParis zu kommen, sodaß denn auch wirklich viele ehemalige politisch Verhaftetenach der Hauptstadt zurückgekehrt waren. Es wurde beschlossen, am 22. Febr., anwelchem das Banket stattfinden sollte, jedenfalls auf den Versammlungsplatz zu ge-hen, still zu beobachten, und besonnen zu handeln. In den Schreibstuben des Jour-nals „I.e Siöels" fand eine ähnliche Zusammenkunft statt. Hier waren es mehrOffiziere der Nationalgarde, die sich eingefunden hatten und die übereinkamen, Allezur Manifestation zu gehen und sich keines andern Rufs zu bedienen, als: das
Oulrot, vivo la räkorme!"
Die Regierung und die Opposition standen jetzt einander schroffer gegenüber alsje. Erstere wollte zwar das Banket stattfinden lassen; aber in Folge eines Fest-programms, in welchem die Nationalgarde, allerdings illegalerweise, zur Aufrecht-haltung der Ordnung beim Bankett aufgefodert worden war, verbot die Regierungdas Banket. Anfangs gedachte die Opposition, mit Barrot an der Spitze, zu trotzen;allein Thiers legte sich ins Mittel und bewog Barrot zum Rücktritte. Ein Theil,zu welchem Lamartine gehörte, blieb noch zurück, mußte zuletzt aber auch weichen.So kam der 22. Febr. heran, und die von dem Stande der Dinge noch wenig un-terrichteten Volksclassen begaben sich auf den Schauplatz. Die Truppen rückten aus.Man jagte hier und da das Volk auseinander, zerstörte einige angefangene Barrika-den, hielt aber die Erneute keineswegs für ernstlich.
Am 23. Febr. nahmen die Dinge eine andere Wendung: die Nationalgardesprach sich entschieden für die Reform aus, und sandte Deputationen an den König,der endlich unruhig zu werden und an die Entlassung seines Ministeriums zu denkenanfing. Die Königin soll gleichfalls davon gesprochen haben, daß Guizot das OpferdeS Rücktritts bringen müsse. Der König fragte nun Guizot, was zu thun sei,und Letzterer antwortete, er wisse es nicht, wol aber wisse er, Was er nicht thunkonnte: er könne weder die Reform ertheilen, noch sich gegen die Nationalgardeschlagen. So wären wir denn, antwortete Ludwig Philipp, zur Ohnmacht ver-dammt; ich werde zu Herrn Mole schicken. Hiermit war Guizot entlassen; der Kö-nig aber hat später behauptet, er habe Guizot nie fortgeschickt, Derselbe sei von selbstgegangen. Da der Hauptfehler des Königs in diesem Ministerwechsel während desKampfeS bestand, so ist die Aufklärung deS Punktes wichtig. Wahrscheinlich habenaber beide Parteien Recht: denn Guizot hat den König im Stich gelassen, als erden Kampf gegen die Nationalgarde nicht annehmen wollte, und der KönigGuizot entlassen, indem er Mole rufen ließ. Die Rolle, die Letzterer bei der
Ministerkrisis gespielt hat, ist auffallend und noch unerklärt. Die Zeitungen habenerzählt, Mole habe dem Könige die Bildung eines Ministeriums zugesagt, ihn aberbis nach Mitternacht warten lassen, und sich dann geweigert. Dem Verfasser st^sthat Graf Mott versichert, er habe dem Könige die Annahme des Ministerinn^gleich rund abgeschlagen und ihm gesagt: „Lire ma eoulour 68t 66pa88ä6."
König aber habe darauf bestanden, daß er seine Freunde zu Rathe ziehe, und Diesehätten nicht gewollt. Die eigentliche Ursache aber, warum diese Herren nicht gewollt,sodaß Graf Mole kein Ministerium zustandegebracht hat, ist ein Geheimniß, das jetztnoch nicht aufgeklärt werden kann. Der König sah sich nun genöthigt, Thiers rufen-u lassen. Dieser, obgleich der Julidynastie aus Überzeugung ergeben, lebte mit de-Könige doch in gespanntem Verhältnisse. Wir erinnern uns der orientalischen ^