Band 
Fünfter Band.
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Frankreich im Jahrzehnd vor der Februarrevolution. 569

und zum Schutze der Tuilerien von der Gartenseite bestimmt war. Auf der Seitedes Carousselplatzes stand eine Reserve von etwa 3500 Mann unter dem Befehledes Generals Nulhiere.

Die neuen Minister, nicht zufrieden die Thätigkeit des Marschalls Bugeaudgelähmt zu haben, verlangten vom Könige nun endlich auch dessen förmliche Nückbe-rufung. Schon in der Nacht war Thiers, ein zweites mal von Re'musat begleitet,zum Könige gegangen, um ihm die Nothwendigkeit der Rückberufung des MarschallsBugeaud vorzustellen. Sie fanden den greisen Ludwig Philipp müde und abge-spannt, ganz in Flanell gewickelt, mit einem Fuß im Bette. Er antwortete ihnen:„Das kann ich nicht gewahren, Bugeaud ist meine Waffe." Am andern Morgenmußte er aber doch nachgeben, und so wurde der Marschall gleichsam vom Pferdeheruntergeholt. Der Marschall Gerard ward nun Commandant der Linie, undLamoriciere Commandant der Nationalgarde. Die Volkshaufen stürmten namentlichvon der Seite des Carousselplatzes her auf die Tuilerien ein, und Gerard und La-moriciere bemühten sich, da sie von den Waffen keinen Gebrauch machen sollten, siedurch Worte zurückzuhalten. Hier, wie an den meisten Barrikaden, die sich an al-len Ecken und Enden von Paris erhoben, führten Mitglieder der geheimen Gesell-schaften die Banden an. Einen von Longepied angeführten Haufen redete der Mar-schall in folgender Weise an: „Wenn ich unklug wäre, wie ihr, und wenn ich daSVolk nicht liebte, so würde ich euch die Kühnheit theuer bezahlen lassen, einerMacht, die mehr als hinreichend ist, euch zu zermalmen, auf diese Weise trotzbietenzu wollen. Aber ich will mich gegen euch nur der Waffen der Vernunft bedienen.Ihr könnt dem König keine Petition mit bewaffneter Hand überreichen (dies warnämlich der Vorwand); höchstens können ihm einige Abgeordnete von euch vorgestelltwerden. Was wollt ihr übrigens? Die Wahlreform? Sie ist mit der Ernen-nung der Herren Thiers und Barrot gesichert. Eure Znsurrection hat daher keinenGrund mehr, und was jetzt frommt, ist: Ordnung und Ruhe in dieser weitenStadt wiederherzustellen, die daS Haupt der Civilisation ist. Habt Mitleid mit jenenUnglücklichen, die von Tag zu Tag von ihrer Hände Arbeit leben, und deren Frauenund Kinder in diesem Augenblicke Hunger leiden! Habt Mitleid mit euch selbst,denn ihr richtet euch durch die Unordnung zu Grunde! Kehrt an euren Herd zu-rück, damit Handel und Gewerbe wieder ihren Gang nehmen und das Volk zu essenhabe, denn das Volk ist es namentlich, daS durch die Revolutionen leidet und nieNutzen daraus zieht. Sie dienen dem Vortheil der Jntriguanten und der Wühler,die sich über den Leichen und dem Elende des Volks erheben."

Die Wirkung dieser Rede war so groß, daß der Volkshaufe sich zurückzog, und

der Marschall eine Zeit lang wirklich Hoffnung hegen durfte, es könne sich noch

Alles friedlich beilegen. Bald aber kamen die beunruhigendsten Nachrichten nach denTuilerien. Man rieth dem Könige Oditon-Barrot statt Thiers zum Ministerpräsi-denten zu ernennen. Dieser sehte sich auch in Begleitung einiger Mitglieder derOpposition in Bewegung, um seine Präsidentschaft und die Reform anzukündigen,Und auf dem Boulevard wurde er sogar einen Augenblick lang förmlich im Triumphegetragen. Man hat seitdem gesagt, es sei dies eine von den Republikanern heimlich^gelegte Falle gewesen; dies ist aber nicht wahrscheinlich, wenigstens war dazu keineCarole gegeben, denn an der Porte St.-Denis wurde Odilon-Barrot schlecht ein-sangen und genöthigt, umzukehren. Im Schlosse ging es so rath- und thatlos her,daß alle Welt bis in die Gemächer des Königs dringen, Bericht erstatten und Rath

^theilen konnte. Das Comite der Reform, das in Permanenz geblieben war,

Aatte seinen Plan bereits gemacht und von den Seinigen namentlich die einzelnenkosten entwaffnen lassen. Etienne Arago brach am Morgen mit einigen GetreuenAss, entwaffnete zunächst die Wache im Postamte, und ging dann aus eine anderei^ache loS, die sich im sogenannten Chateau d'eau, gegenüber dem Palais royal, be-kand. Diese Wache war am frühen Morgen noch von der kernigen Municipalgardebsttztz in Folge der Rückzugsordre aber hatte man, um jeden Schein von Gewalt-