570 Frankreich im Jahrzehnd vor der Februarrevolution.
maßregeln zu vermeiden, die unbeliebte Truppe abgelöst und mit andern in die Tui-lerien gelegt. Zwei Compagnien vom 14. Linienregimente ersetzten sie im Chäteaud'eau; doch selbst diese weigerten sich, ihre Waffen herzugeben. So entstand nunein Kampf zwischen dem in diesem Stadttheile angesammelten Volke und der Be-satzung der Wache. Vom Chäteau d'eau aus führen kurze schmale Straßen aufden Carousselplatz, wo ein Neservecorps von 3500 Mann lag, das den umlagertenPosten sehr leicht hatte befreien können. Es geschah aber nicht. Die Generale La-mentiere und Perrot erschienen als Parlamentairs, wurden jedoch mißhandelt, undentgingen nur mit genauer Noth dem Tode. Da sich der Posten nicht ergebenwollte, steckte endlich das Volk, unter fortdauerndem Kampfe, daS Gebäude in Brand,sodaß der Nest der Mannschaft in den Flammen seinen Untergang fand.
.Der Vorschlag abzudanken, hatte sich schon am frühen Morgen, man weißnicht wie, in die Tuilerien angeschlichen. Die Prinzen sollen zuerst daran gedachthaben. Als nun nach der Rückzugsordre die Nachrichten immer schlimmer wurden,riech man dem Könige offen an, abzudanken, und er entschloß sich endlich dazu. DerMarschall Bugeaud erhielt die Nachricht, als er unten auf dem Platze war; erstürzte sogleich ins Schloß, und redete den König mit den Worten an: „Sire, umGottes Willen, danken Sie nicht ab!" Die Königin gesellte sich dem MarschallBugeaud zu, und der König, der übrigens sein Wort bereits gegeben hatte, erhobsich vom Schreibtische, wo er die Abdankungsacte eben aufsetzen wollte. Allein dieUmstehenden mahnten ihn, sein Wort zu halten; und so schrieb Ludwig Philipp dieAbdankungsacte nieder. Man brachte sie Lamoriciere, der an der Ecke der Rue deRohan stand, und Dieser gab sie unvorsichtigerweise Lagrange, den er zwar nichtkannte, aber mit Recht für den Anführer der Bande hielt, die sich am Palais royalschlug. Lagrange, einer der exaltirtesten Republikaner, hütete sich, die Nachricht vonder Abdankung Ludwig Philipp's zu verbreiten, denn dies hätte die Nationalgardezum Schutze des vacant gewordenen Thrones zusammenscharen können. Er stecktedie wichtige Acte in die Tasche, und man weiß seitdem nicht, was auS ihr geworden ist.
Der König schickte sich unmittelbar nach seiner Abdankung zur Abreise an. DieWagen sollten bereits vorfahren, als ein Kutscher erschossen wurde, und man dieGespanne wieder zurück in den Stall kehren ließ. Der König und seine Familiefanden daher auf dem Concordienplatz keine andern Wagen vor, als zwei kleine fürdie Adjutanten bestimmte Fuhrwerke, in die man sich in aller Eile warf. Der Ge-neral Regnault und der Oberst des zweiten Kürassierregiments, Reybell, begleitetenmit Kürassieren den König, die Königin und mehre Mitglieder der königlichen Familiebis nach St.-Cloud.
Die Herzogin von Orleans sollte sich anfangs auch dorthin begeben, und derHerzog von Nemours hatte dem General Bedeau bereits angekündigt, zur Begleitungder Herzogin bereit zu sein, als man einen andern Entschluß faßte, und sie bewog,mit dem Grafen von Paris nach der Kammer zu gehen, um statt des unbeliebtenHerzogs von Nemours die Regentschaft anzunehmen. Die Ereignisse in der Kam-mer sind bekannt: nur Das ist in neuester Zeit durch Lamartine'- eigenes Gestand-niß entdeckt worden, daß die Republikaner ihn vor der Sitzung für sich zu stimmensuchten, und sein desfallsiger Entschluß entscheidend für das Schicksal der Regent-schaft wurde. Außerdem verdient noch folgender Punkt aufgeklärt zu werden, um-somehr, da er in jüngster Zeit einen Streit in den französischen Journalen hervorge-rufen hat. Der General Bedeau hatte, als die Herzogin von Orleans nach derKammer ging, den Befehl über die Truppen auf dem Concordienplahe. Er bcfansich selbst ohne höhere Ordre, und sobald er eine solche einholen wollte, wurde ihmvon den Tuilerien aus immer die Antwort: er solle thun, was er könne. Als nunJnsurgentenhaufen in die von dem Platze durch eine Brücke getrennte Kammer dnn*gen wollten, hätte Bedeau sie sehr leicht aufhalten können; aber er that ks wch /weil er speciell keine Ordre zur Bescbühung der Kammer hatte, und derderselben selbst keine Maßregeln traf.' Man weiß, welchen Einfluß das Uberschwem