Band 
Fünfter Band.
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Das Königreich Sachsen.

Kirchenverfassung. Sache der zu bildenden selbständigen Vertretung der Kirche sollteeS sein, die Grenzen und Formen jenes Glaubens zu bestimmen. Anderer Art wardie, zunächst in der preußischen Provinz Sachsen von Uhlig und Andern angeregteAgitation der sogenannten „Protestantischen Freunde", welche direct auf eine Fort-bildung des Dogma im Geiste und nach den Bedürfnissen des Zeitbewußtseins aus-ging. Auch diese Bewegung ward, aber völlig unabhängig von jener ersten, um dieMitte des Jahres 1845 nach Sachsen herüber verpflanzt. Uhlig selbst erschien in Leip-zig, Dresden, Zwickau, legte in großem oder kleinern Versammlungen die Grundsätzeund Absichten der Protestantischen Freunde dar, und ermunterte, zur Bildung ähn-licher Vereinigungen, an die denn auch alsbald Hand gelegt ward. Da erschien am17. Juli 1845 eine Bekanntmachung der in Lvangelieis beauftragten Minister undzwel Tage darauf das Verbot aller Vereine und Versammlungen ProtestantischerFreunde. In der Bekanntmachung hieß es: „die Minister hielten sich durch ihrenEid verpflichtet, für Aufrechthaltung der auf die Augsburgische Confession gegründe-ten Kirche zu sorgen, die Einheit derselben zu wahren und dem Entstehen von Sek-ten in solcher vorzubeugen."

Dieser Schritt der Regierung brachte eine große und allgemeine Aufregung imLande hervor. Öffentliche Versammlungen fanden an vielen Orten statt, Protestegegen die Erlasse wurden an das Ministerium gerichtet, welches sich jedoch in seinenMaßnahmen nicht beirren ließ. Man erblickte in der Bekanntmachung wie in demVerbot eine thatsächliche Verletzung der in der Verfassung allen Staatsbürgern ge-währleisteten Gewissensfreiheit, eine gewaltsame Zurückdrängung des im Protestantis-mus erwachten freiern Geistes aus die beengenden Formen starren Symbolglaubens.

In Leipzig namentlich war die Aufregung der Gemüther in Folge der vorer-wähnten Ereignisse und ministeriellen Maßregeln sehr groß. Ein unglücklicher 3^schensall führte hier eine traurige Katastrophe herbei. Am 12. Aug. 1845 kam derBruder des Königs, Prinz Johann, nach Leipzig, um in seiner Eigenschaft als Ober-commandant sämmtlicher Communalgarde» des Landes die leipziger Communalgardedie Revue passiren zu lassen. Prinz Johann galt im Lande für dasjenige Mitglied derköniglichen Familie, welches am meisten zum Ultramontanismus hinneige und daherein entschiedener Gegner aller kirchlichen Neuerungen, nicht blos auf katholischem,sondern auch auf protestantischem Gebiete sei. Ihm schrieb man einen vorwaltendenEinfluß auf die neuesten beschränkenden Maßregeln gegen den Deutsch-Katholicismusund die protestantische Neformbewegung zu; von ihm wollte man wissen, daß erüberhaupt dem Systeme des Widerstandes gegen alle Freihcitbestrebungen, welchesin der letzten Zeit immer mehr umsichgegriffen, daß er den sreiheit- und gleich-hcitfeindlichen Tendenzen der Hochtories günstig sei und in diesem Sinne mehrfachauf die Minister eingewirkt habe. Schwerlich war für diese Beschuldigungen irgend-eine erweisliche Thatsache anzuführen, und selbst wenn dies hätte geschehen können,mußte man sich erinnern, daß im konstitutionellen Staate die öffentliche Meinungimmer und. überall sich nur an die verantwortlichen Rathgeber der Krone zu haltenhat, nimmermehr aber darüber hinaus greifen darf. Allein die Einsicht in daWesen der constitutionellen Regierung war, wenigstens in den untern Schichten, nochnicht groß, und leider fehlte eS nicht an Solchen, welche, statt aufzuklären, derartigeeinseitige Richtungen der Volksstimmung zu ermuntern und die unklare Erbitterungder Massen noch mehr anzustacheln sich zur Aufgabe machten. Ob außer allgen^*nen Anreizungcn solcher Art auch specielle und vorbedachte Aufhetzungen des ^zu Thaten, wie sie am 12. Aug. 1845 in Leipzig geschahen, stattgefundenmögen, darüber schwebt ein Dunkel, welches auch die gegen mehre Theilnehmerjenen Vorgängen eingeleitete Untersuchung keineswegs gehoben hat. Genug,bei der Revue zeigten sich Spuren der Misstimmung gegen den Prinzen. EinzeAbtheilungen der Communalgarde unterließen die gewöhnliche laute BegrüßungAnnäherung des Obercommandanten oder. stimmten nur schwach in die der an eein; unter den zahlreichen Zuschauern hörte man beleidigende Äußerungen gegen