588 ^ Das Königreich Sachsen.
Partei galt immer noch Todt; doch mußte er schon hin und wieder sein Ansehen beider jungen Opposition mit Opfern seiner besonnenen Zurückhaltung an deren radr-calere Ungeduld, wenigstens mit der schweigenden Zulassung von so Manchem, waser im Interesse der Partei besser unterdrückt hätte, erkaufen. Dieser Oppositionstand als compacte Partei gegenüber eine aristokratisch-ministerielle Rechte unter derFührung der Herren von Thielau, von Planitz, Jani und von Gablenz. Thirlan,der früher häufig in Opposition gegen die Regierung gewesen, machte sich diesmal,die einzige Frage der Strafproceßreform ausgenommen, zum entschiedenen und eif-rigen Vertheidiger des Ministeriums und griff die Opposition, zumal die äußerste,aufs heftigste an, wie er denn freilich von ihr nicht minder heftig angegriffen ward.Herr von Mayer trat wegen Kränklichkeit erst mitten im Verlaufe deS Landtags ein,entwickelte auch aus der gleichen Ursache eine weit geringere parlamentarische Thätig-keit als früher, hielt sich übrigens im Wesentlichen zur Regierungspartei. Die Stärkedieser beiden einander direct entgegengesetzten Parteien war so ziemlich die gleiche; derSieg der einen oder der andern hing von der Haltung der dazwischenliegenden Ele-mente ab, die sich, ohne feste Parteigruppirung, bald mehr aus die oppositionelle,bald mehr auf die ministerielle Seite neigten. In der ersten Kammer trat das aristo-kratische Element diesmal, wie schon zum Theil aus dem vorigen Landtage, mit ver-letzender Schroffheit auf; die schwachen liberalen Elemente kämpften vergebens da-gegen an. Carlowitz, der bisherige Führer der Aristokratie in der ersten Kammer, warvom Könige zum Präsidenten für diesen Landtag ernannt; an seiner Stelle übernahmenvon Friesen und von Welck die Führerschaft der Partei. In der zweiten Kammer
erlangte die Opposition schon bei den Wahlen des Direct-riums einen bedeutendenSieg. Mit großer Stimmenmehrheit ward Braun als zweiter, und, nach hartnäcki-gem Kampfe gegen Thielau, Todt als vierter Candidat zur Präsidentur vorgeschlagen.Der König ernannte Braun zum Präsidenten, zum Viceprä'sidenten den VeteranenEisenstuck, der auf diesem Landtage fast ganz ministeriell war. Beim Beginn derSitzungen erneuerte sich der Kampf wegen der Adreßsrage. Diesmal ging die ersteKammer auf eine gemeinschaftliche Adresse ein; die zweite Kammer ließ ihren anfäng-lichen Beschluß, eine einseitige Adresse zu überreichen, auf die Erklärung deS Mini-steriums, daß eine solche nicht werde angenommen werden, wieder fallen, und so ge-langte man wenigstens bis zur Berathung der Adresse tu beiden Kammern. DerEntwurf, von Todt abgefaßt, athmete die größte Mäßigung; man erkannte darindeutlich das Bestreben, eine große Mehrheit in der zweiten Kammer und wo mög-lich auch die erste Kammer dafür zu gewinnen. Das Erstere gelang; die Adressewurde gegen 12 Stimmen von der zweiten Kammer angenommen. Die Debatten,welche diesem Beschlusse vorangingen, waren äußerst lebhaft; das Ministerium erfuhrdie heftigsten Angriffe von Seiten die Opposition und ward nur schwach von derconservativen Partei vertheidigt. In der ersten Kammer übernahm der Präsidentvon Carlowitz selbst die Berichterstattung. Wie die Adresse aus den Verhandlung^der ersten Kammer hervorging, war sie freilich eine wesentlich andere geworden; dieStelle über die leipziger Augustvorgänge, über die Presse, über die kirchlichenhä'ltnisse, über die Öffentlichkeit des Rechtsverfahrens und daß Vereinswesen, kurzdie Hauptpunkte der Mresse waren im Sinne des Ministeriums abgeschwächt,
Theil ganz beseitigt. Nur die Stelle über den Deutschen Bundestag und des?"unbesnedigende Politik hatte unter Carlowitz'^ Hand einen beinahe kräftigern Au^druck als im Todt'schen Entwürfe erhalten. Aber daß Ganze glich doch so we"*6Dem, was die zweite Kammer beschlossen hatte, daß die letztere darin unmöglich ih^Gesinnungen und Ansichten von den öffentlichen Zuständen des Landes wiedererk^nen konnte und deshalb mit großer Mehrheit beschloß, von der Überreichung dieserAdresse lieber ganz abzusehen. So ward die Adresse zu den Acten gelegt.
Von den vielen brennenden Fragen, welche zu berühren dieser Landtag auser*sehen war, drängte sich in der zweiten Kammer die wegen der Öffentlichkeit deStrafgerichtsverfahrens am entschiedensten in den Vordergrund. Die Freunde de