Band 
Fünfter Band.
Seite
594
JPEG-Download
 

594 Das Königreich Sachsen. ,

zu folgern, blieb mindestens eine übertriebene juristische Spitzfindigkeit, dazu eine ^gerade im vorliegenden Fall sehr gefährliche, indem der Landtag berufen war, drin-gende, vom Lande sehnlich erwartete materielle Maßregeln zur Abhülfe deß Noth-standes und zur Regelung der Finanzen zu beschließen, und man nun auf bedenkliche ^Weise die Nechtsgültigkeit dieser Beschlüsse im voraus antastete. ^

Die Agitation der Nadicalen hatte wie gesagt keine Folgen; in der Kammererhob sich nur die äußerste Linke für diese Anficht, welche selbst von Todt bekämpftward. Außerhalb der Kammer aber gab sie zu einem heftigen Kampfe in der PresseVeranlassung, welcher die Liberalen, die dabei gegen die Nadicalen Partei nahmen, 'noch schärfer als zuvor von Letzter« trennte. ^

Die Ereignisse und Kämpfe des Jahres 1845 hatten lediglich die innern Ver- §hältnisse Sachsens berührt. Während der beiden folgenden Jahre, und mitten in ^der Abspannung, die auf jene Kämpfe folgte, wurden die Blicke aller nicht ganzGleichgültigen auf zwei Ereignisse von allgemeinem deutschen Interesse gelenkt. Daseine war der Kampf der Schleswig-Holsteiner um ihre von den Dänen bedrohteNationalität, ein Kampf, der mit dem „Offenen Brief" des Königs von Dänemarkim Jahre 1846 in ein neues Stadium trat und sogar den Bundestag zu Frankfurtzu einer Lebeusäußerung veranlaßte. Das Bewußtsein nationaler Zusammengehörig-keit mit einem größer» Ganzen, zugleich aber auch das Gefühl der Mangelhaftigkeitund Trostlosigkeit der politischen Gestaltung Deutschlands -ward durch Das, was inBezug auf Schleswig. Holstein geschah und nicht geschah, lebhaft angeregt. Nach !

einer andern Seite hin bewirkte Ähnliches der im Jahre 1847 zusammenberufene I

Vereinigte Landtag Preußens. Hier zum ersten mal sah man die Landesvertre- 1

tung einer deutschen Großmacht Interessen von weitem nationalen Belang einheit-lich berathen; und, wie gering auch der Kreis der dem Vereinigten Landtage

eingeräumten Befugnisse, wie beschränkend die Form seiner Verhandlungen, wie un-sicher und fast illusorisch der dadurch gewonnene verfassungsmäßige Nechtsboden im-merhin erschien, so fühlte doch unwillkürlich jeder Bewohner eines deutschen Klein-staats, daß selbst in diesen unvollkommenen Anfängen das dort aufgehende parlamen-tarische Leben das seines eigenen Landes, mochte auch letzteres in den äußern Formenviel ausgebildeter sein, beiweitem überrage. Das unbehagliche Gefühl der Kleinstaa- jterei, der Gedanke einer nothwendigen Verschmelzung der vielen kleinen Kreise ineinen grösiern, die Ahnung eines großartigen, kräftigen nationalen Verfassungslebensging so Manchem selbst von Denen auf, die bis dahin in der beschränkten Genüg-samkeit kleinlicher Particularzustände sich befriedigt gefühlt hatten.

Die äußerliche Ruhe und Gleichgültigkeit, welche damals in Sachsen und bei-nahe in ganz Deutschland herrschte, war keineswegs das Sympton einer wirkli-chen innern Befriedigung der Völker. Im Gegentheil war des Unmuths, der Un-zufriedenheit, der Erbitterung genug vorhanden, aber man war nur einer Bewe-gung müde, von der man keinen Erfolg sah. Das deutsche Volk glich einem imSchlamme Versinkenden, der, nachdem er sich lange vergeblich abgearbeitet, ohnedamit etwas Anderes zu erreichen, als nur immer tiefer zu versinken, zuletzt ermat-tet und entmuthigt seine Bewegungen einstellt und nur noch ängstlich umherspäht, obihm nicht von außen her Rettung komme. In dieser traurigen und erniedrigendenLage befand sich das deutsche Volk: es erwartete seine Befreiung und die Derbesst* i

rung seiner öffentlichen Zustände von irgend einem äußern Änstoß, und verfolgte da-her mit ängstlicher Spannung die Bewegungen, welche an den Grenzen Deutsch* s

lands, bald hier, bald dort, zuerst in Polen, dann in der Schweiz, in Italien, MFrankreich sich zu regen begannen. Entscheidend ward endlich für Deutschland, Miohier wiederum fast an erster Stelle für Sachsen, die französische Februarrevolution-Daß ein Umschwung der Dinge dort allemal einen mächtigen Rückschlag hier zurFolge habe, wußte man bereits aus dem Jahre 1850. Diesen unausbleiblichenRückschlag eincstheils in sejnen unmittelbaren Wirkungen zu mäßigen, damit er mchstatt eines fruchtbaren Umschwungs einen zerstörenden Umsturz aller Zustände herber-