596 DaS Königreich Sachsen.
den rückkehrende Deputation ward von einer zahllosen Mcnschenmasse erwartet, diedurch anonyme Maueranschläge zusammenberufen worden war. Große Aufregunggab sich kund; man hatte nichts Geringeres gehofft, als daß die Deputation dieEntlassung der Minister mitbringen werde. Blum mußte wiederum vom Rathhaus- ^balcon herab die Menge beschwichtigen, indem er ihr versprach, daß man nun directauf Absetzung der Minister dringen werde. Das geschah denn auch gleich am näch-sten Tage in einer sofort berufenen Versammlung der Stadtverordneten. Diesmallautete die Adresse an den König beiweitem energischer. Der Stadtrath wagte auchjetzt seinen Beitritt nicht zu versagen. Schon in der Nacht vorher, fast unmittelbarnach der Rückkehr der ersten Deputation, war eine zweite nach Dresden abgegangen,um dem Könige mündlich die drohende Lage der Dinge und die Nothwendigkeit einesentschieden beruhigenden Schrittes vorzustellen. Der König zeigte sich noch immernicht geneigt nachzugeben, ebenso wenig die Minister. Alles, was man erreichte, wareine Vertröstung auf Schritte beim Bundestage zur Erleichterung der Presse; selb-ständig darin voranzugehen sei die Regierung nicht berechtigt. Als diese Antwortnach Leipzig gelangte, wußte man hier bereits aus öffentlichen Blattern, daß derBundestag den einzelnen Regierungen freigegeben, in Bezug auf die Presse Erleich-terungen nach ihrem Ermessen eintreten zu lassen. Hatte man diesen Bundestagsbe-schtuß in Dresden noch nicht gekannt, als man jene Antwort gab? Oder wollteman auch jetzt noch durch das vielbeliebte Mittel der Berufung auf den Bundestagdie dringenden Volkswünsche hinhalten? Genug, Das, was man von oben vielleichtals ein nicht unbedeutendes Zugesta'ndniß ansah, erregte statt der erwarteten Befrie-digung nur größere Erbitterung. Ungleich beruhigender wirkte der bald darauf be- ^kannt werdende Rücktritt Falkenstein's. Als Minister des Innern, in dessen Ressortdie meisten und empfindlichsten der in den letzten Jahren verhängten Beschränkung^"der öffentlichen Freiheit fielen, hatte Falkenstein die Quintessenz der Gehässigkeit,welche das ganze System traf, in seiner Person concentrirt. Seinen Rücktritt ver-dankte man hauptsächlich der Energie des einen leipziger Deputirten, Advocat Koch,welcher in persönlicher Ansprache dem Minister die Nothwendigkeit seiner Abdankung ,und die Unmöglichkeit seines länger« Bleibens vorgestellt hatte. Dieser Erfolg wardals das erste Zeichen der unwiderstehlichen Macht der öffentlichen Meinung, als dieerste Bresche in das verhaßte System des Ministeriums begrüßt. Doch fehlte viel,daß man dadurch sich in dem Andringen auf das Ministerium im Ganzen, in derbeharrlichen Foderung weiterer Zugeständnisse auch nur einen Augenblick hätte beir-ren lassen. Man wußte zu gut, daß Falkenstein zwar eines der thätigsten Werk-zeuge, daß aber die Seele des herrschenden Systems allezeit die Herren von Könne-ritz und Zeschau gewesen, und daß nicht- gewonnen sei, solange man nicht diese Bei-den beseitigt, überhaupt das ganze Ministerium gesprengt habe. Leipzig beharrte daherin seiner entschiedenen, drängenden Bewegung. Es herrschte daselbst eine merkwür-dige Einmüthigkeit aller Parteien und aller Classen der Bevölkerung. Der eigent-liche Mittelpunkt der Bewegung war und blieb fortwährend die Stadtverordneten-versammlung. Von hier aus ging Adresse auf Adresse an den König ab, jedegende energischer, mehr und entschiedener federnd als die frühern, aber alle genieffe"und ehrerbietig im Ausdruck. Der Stadtrath, nachdem er einmal dem Beispiel beandern Collegiums gefolgt war, schloß sich auch allen weitem Schritten desselbenohne Widerspruch, wenn auch vielleicht nicht ohne inneres Widerstreben an. ^Stadtverordnetencollegium selbst herrschte die größte Übereinstimmung, fast alle ?schlösse wurden mit Stimmeneinheit gefaßt. Eine zahllose Menschenmenge dräng ^sich jedesmal zu diesen öffentlichen Verhandlungen und füllte die Galerien, diegange, ja sogar den Saal rings um die Sitze der Stadtverordneten. Aber dielMenge beobachtete eine achtungsvolle Haltung gegenüber der Versammlung,wenn bisweilen lebhaftere Ausbrüche des Beifalls und der Theilnahme nicht ga"^-urückzuhalten waren, so wurden sie doch jedesmal rasch und leicht in die Grenzeder Ordnung zurückgewiesen. Ein ungebührlicher Einfluß auf die Beschlußfassunge