598 Das Königreich Sachsen.
adressen an die Gemeindevertreter Leipzigs, diese zum Verharren aus dem betre-tenen Pfade ermunternd, sondern gingen auch Bittschriften und Deputationen imSinne der Leipziger nach Dresden ab, freilich mit keinem bessern Erfolg als jene. jDagegen blieben andere Landestheile, namentlich die Residenz, der Bewegung längere iZeit fast gänzlich fremd. Ein Antrag, am 4. März von Dr. Köchly im Kollegiumder dresdener Stadtverordneten auf eine Adresse im Sinne der Leipziger gestellt, wardabgelehnt; man begnügte sich, um Einberufung der Stände zu bitten. Inzwischenverfolgte Leipzig ruhig und fest seinen Weg. Am 5. März, sogleich nach der Rück-kehr der zweiten Deputation von Dresden, war eine zweite Adresse an den Königabgegangen, worin, neben der Wiederholung der frühern Bitten, die Entlassung derMinister und ihre Ersetzung durch „Männer, welche das Vertrauen des Landes ge-nießen", sowie die schleunige Einberufung der Stände erbeten ward. Gleichzeitigüberreichte — eine gewichtige Unterstützung für die Schritte der Gemeindevertreter —auch der akademische Senat dem Könige eine kräftige, vorn Hofrath von der Pford-ten verfaßte Adresse, welche ebenfalls aus die Nothwendigkeit hinwies, durch zeitge-mäße Reformen, insbesondere in der Verwaltung, der Presse und der Rechtspflege,dem Geiste der Zeit entgegenzukommen, das konstitutionelle System zu einer Wahr-heit zu machen, den Bund aber, „der das Vertrauen der Völker verloren, um nichtzu sagen, niemals besessen habe", zu regeneriren. Auch eine große Anzahl der an-gesehensten Einwohner der Stadt bekräftigte in einer an die Stadtverordneten gerich-teten Dankadresse, daß die Beschlüsse dieser Letztem wirklich die Stimme der Bür-gerschaft repra'sentirten. Sogar die Censoren wandten sich in einer gemeinsamen Ein-gabe an das Ministerium, und stellten die Unmöglichkeit längerer Aufrechthaltung der 4Censur und das Peinliche ihrer Lage vor.
Am 6. März erschien eine Ansprache des Königs an das Volk, worin dieEinberufung der Stände „spätestens zu Anfang des Mai" und die Vorlegung einesPreßgesetzeS an diese verheißen ward. Den Befugnissen der gesetzlichen Landesvertre-tung solle man nicht vorgreifen, sondern deren Entscheidung nunmehr ruhig abwar-ten. Stadtrath und Stadtverordnete Leipzigs antworteten auf diese Ansprache durcheine abermalige Adresse, worin sie erklärten, „daß nach Paragraph 35 der Verfas-sungsurkunde und nach dem Bundestagsbeschluß vom 3. März die Presse gesetzlichfrei sei. daher der sofortigen Einführung der Preßfreiheit nichts im Wege stehe, viel-mehr Paragraph 88 der Verfassungsurkunde dazu vollkommen ausreiche; daß durchdie Entlassung des Ministers von Falkenstein das Hinderniß nicht beseitigt sei, wel-ches der Wiederherstellung des friedlichen und harmonischen Verhältnisses zwischenRegierung und Volk entgegenstehe, daß dieses Hinderniß vielmehr so lange fortbestehe/als nicht auch die übrigen Träger des bisherigen ministeriellen Systems zurückgetre-ten wären, indem man gerade in der neuesten Proklamation den Beweis finde, wieder König nach wie vor über die dringlichen Bedürfnisse des Landes sowie über diePflichten und die Rechte, welche die Verfassung auferlege und verbürge, getäuscht sei»daß aber auch eine Garantie für eine wahrhafte Systemsänderung nur dann vor'Handen, wenn Männer, die durch ihr öffentliches und ständisches Wirken sich dasVertrauen des Landes erworben, in den Rath des Königs berufen würden."
Die Censoren baten wiederholt und dringlicher denn zuvor, sie der peinlich^Verpflichtung zu entheben, eine Gewalt länger zu üben, die nicht mehr als zu Re^bestehend anerkannt und auch faktisch kaum noch respectirt werde. Viele Verleg^ließen nämlich schon nicht mehr ihre Drucksachen censiren, und man wagte nicht, ^walt anzuwenden. Der Drucker eines reactionairen Blattes, des „Bayard",klärte öffentlich, dasselbe alcht ferner drucken zu wollen. Kurz, das alte System wa^vollständig von der öffentlichen Meinung verurtheilt, sein Fortbestehen zur Unmöglich"keit geworden. Dennoch versuchte es, sich zu halten und die allgemeinen Angrifftvon denen es sich bedrängt sah, durch fernere kleine Zugeständnisse abzuleiten,
19. März erschien eine Bekanntmachung, worin die Minister erklärten: sie hätte