626 Die Engländer nnd Russen in Perfien nnd Mittelasien.
sien sei nothwendig oder doch wenigsten- Vortheilhast gewesen, weil Persien dadurcherinnert worden wäre, es gebe noch ein Frankreich aus Erden. Rußland undEngland sind jetzt die einzigen Nebenbuhler im Osten. Ihre öffentlichen und ge-heimen Agenten kreuzen sich allenthalben im Morgenlande; sie suchen durch verbor-gene Anschläge, wie durch offenkundige Gewaltstreiche sich gegenseitig zu schadenund zu verderben. Es ist natürlich nicht möglich, alle diese im Dunkeln gesponne-nen Fäden der Hinterlist und des Verrath- an das Licht der Geschichte zu ziehen.Es ward aber doch so viel davon bekannt, daß auch der vorsichtigste Forscher dasDasein solcher neidisch-gehässigen Umtriebe als eine geschichtliche Thatsache anneh-men mnß. Man muß nur bedenken oder sich erinnern, daß sie durchgängig unterdem Vorwande von Kausmannsgeschästen, unter dem Deckmantel von Handelsverbin-dungen betrieben werden. Wir wollen einige dieser Umtriebe, zum richtigern Ver-ständniß der neuern Verhältnisse und Zustände Mittelasiens, berichten.
Ein gewisser Mchdi Raphael, der Sohn eines persischen Juden aus Kaschmir, wel-cher sich in Rußland niedergelassen hatte, wurde in dem zweiten Jahrzehnd unsersJahrhunderts zu mancherlei politischen Missionen in Asien gebraucht; er sollte na-mentlich, so lauteten seine Aufträge, mit den Fürsten der Indien benachbarten Länderpolitisch-commercielle Verbindungen anknüpfen. Mehdi Naphael hatte Briese für La-dakh und Lahor, welche aus Befehl deS Zar Alexander geschrieben und vom GrafenNesselrode unterzeichnet waren. Der Kaiser, hieß es darin, suche wegen der großenLiebe, die er zu allen Völkern hege, und der besondern Theilnahme, welche er denUnterthanen der beiden Fürsten widme, freundschaftliche Verbindungen mit demNadschah und Maharadschah anzuknüpfen. Beide Fürsten wurden dann ausgesodert,Gesandte nach Petersburg zu schicken; der Kaiser werde ihnen alle Unkosten ersetzen.Derselbe Agent soll die Mohammedaner der Kleinen Ducharei oder des östlichen Tur-kestan zu wiederholten Aufstanden gegen China bewogen und selbst den vertriebenenErben dieses Fürstenthums nach Rußland eingeladen haben; man werde ihm hier,hieß es, ein Heer geben, um daS Land seiner Vater zu erobern. Diese eiteln undhöchst wahrscheinlich unbefugten Versprechungen müssen in China verlautet haben;denn es ging zu Kanton unter der chinesischen Bevölkerung mehrmals die Sage:die Russen seien in das Land der neuen Grenze — so wird die Kleine Bucharei imMittelreiche genannt — eingefallen. Die Minen und Gegenminen, welche englische undrussische Agenten verschiedener Nationen in Jarkand und Chokand, zu Bochara undChiwa gegeneinander anlegen, werden erst in den nächsten Jahrzehnden losgehenund ringsum über die einheimische Bevölkerung Mittelasiens Unglück und Verderbenverbreiten. Deutlicher zeigten und zeigen sich jetzt schon die Vorspiele des heranna-henden KampfeS in den Zwistigkeiten, die sich zwischen den beiden Staaten über Per-sien und Afghanistan erhoben.
Rußland und England in Persien.
Persien hat seit dem Beginne unsers Jahrhunderts nur deshalb Verbin-dungen mit verschiedenen europäischen Staaten angeknüpft und unterhalten, umvermittels ihres Beistands in den Künsten der europäischen Civilisation eingeweihtzu werden und die Russen über den Kaukasus zurückzutreiben. Durch traurige Er-fahrungen belehrt, kam man endlich am Hofe zu Teheran zur Überzeugung, daßdies unmöglich ist: man sah, daß keine christliche Macht, aus Furcht oder an-dern geheimen, vielleicht religiösen Gründen, eines muselmanischen Reichs wegenmit Rußland Krieg beginnen wolle. Eine Folge hiervon war, so sehr auch das re-ligiöse Gefühl der Gesetzkundigen und des Volks sich dagegen sträubte, daß man derunvermeidlichen Nothwendigkeit nachgab und Schutz und Freunde suchte bei der"Erbfeinde des Reichs und des Glaubens. Diese von Grund aus veränderte Politstdes Hofs zu Teheran zeigt sich augenscheinlich seit dem für Persien so nach (heilige"Frieden zu Turkmantschai (10. Febr. 1828). Blieb denn auch den Kadscharen ei"anderer Ausweg übrig? England hatte sich während des Kriegs gegen die Russe",
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