Band 
Fünfter Band.
Seite
653
JPEG-Download
 

Die Engländer nnd Russen in Persien und Mittelasien. 653

Heeres gegen Hindostan — Gerüchte, welche durch den Zug der Moskowiten gegenChiwa bis zum Lächerlichen gesteigert wurden. Ein mal sollte Burnes durch seineeinheimischen Agenten die Nachricht erhalten haben, die Russen seien bereits in Chiwaeingerückt und zögen in Eilmärschen gegen Bochara; ein ander mal hieß es, der Fürstder Gläubigen von Bochara hätte schon ein Schutz- und Trutzbündniß mit dem Zargeschloffen, und Beide rückten gegen Balkh. Der Kriegszug der Russen gegen Chiwawar aber nicht minder in der historischen, mit der russischen Selbständigkeit gleich-zeitigen Stellung des Landes zu Mittelasien gegründet, wie die Unternehmung deranglo-indischen Regierung gegen Kabal; ja, die Russen konnten mit einem gewissenRechte behaupten, nur die Nothwehr habe diesen Krieg hervorgerusen. Die usbe-gischen Räuber plünderten die Karavanen, störten den Handel und den Fischsang aufdem Kaspischen Meere und führten eine Menge Russen in die Sklaverei. Um siefür alle diese Unbill zu züchtigen, zog (Nov. 4839) unter Anführung des GeneralsPerowsky von Orenburg ein Heer aus, welches unter unsäglichen Mühen und Ent-behrungen, wahrend einer kaum erträglichen Kalte, über die mit tiefem, gefrorenemSchnee bedeckten Steppen gegen die Emba und den Aralsee vorrückte. Die Kämeele,die einzigen Transportmittel dieser unwirtlichen Gegenden, starben schnell dahin, undin Abulak mußte sich der General (20. Febr. 1840) mit Widerstreben zum Rück-marsch entschließen, wenn er nicht das ganze Heer einem sichern Untergänge entgegen-führen wollte. Es war von Seiten der Regierung, des Generals und des ganzenHeeres nichts vernachlässigt worden; es war Alles geschehen, was nur immer mensch-licher Einsicht und Vorsicht möglich. Der strenge Winter trug allein die Schuld des^ Mislingens. Die Engländer, von dem Wahne befangen, daß die Russen jetzt noch' im Sinne hätten, im Vereine mit den Kirgiskaisaken, den Usbeg und Turkman gegenBalkh und Herat zu ziehen, sandten, wie sie von der Kriegserklärung gegen Chiwahörten, eine Anzahl britischer Agenten und Eingeborene nach den Ländern jenseit desOxus, um sichere Nachrichten von dem Treiben der Moskowiten zu erhalten undihren Unternehmungen wo möglich Hindernisse in den Weg zu legen. Auch heißtes, was aber unglaublich scheint, Allah Kuli, der Fürst von Chiwa, hätte bei demAnmarsch der Russen zu den Engländern gesandt, damit sie ihn in Schuh nahmen,

! mit Truppen und Munition unterstützten. Mag dem sein wie da wolle, sicher ist,

i daß Major Todd, der englische Gesandte bei Kamran-Schah, einen des Landes, der

Sprache und der Sitten der Bewohner unkundigen Capitain von Herat nach Chiwaschickte (December 1839), um den Khan zu vermögen, sich unter englische Hoheit zustellen oder wenigstens die Vermittelung Großbritanniens in seinem Kampfe mit dem3ar anzurufen. Diese Mission blieb ganz erfolglos. Capitain Abbot ermangelte sowolder Kenntnisse als der Talente, die solch ein schwieriges Geschäft erheischte, undMußte froh sein, mit gesundem Leibe nach der russischen Grenze zu entkommen. Beider zweiten Gesandtschaft nach Chiwa wußte Todd eine glücklichere Wahl zu treffen.Mamaghten schickte nämlich wichtige Depeschen für Abbot an den Major, mit demBefehle, sie schleunigst weiter zu befördern. Es war aber in Herat bekannt, daßAbbot Chiwa verlassen hatte; nun war ein anderer Sendbote nothwendig, die ge-messenen Befehle des Ministers zu vollziehen. Sir R. Shakspeare ward nun nachGhiwa beordert, und wußte hier dem staatlichen Interesse seines Vaterlandes wie derMenschheit im Allgemeinen gleichgroße Dienste zu leisten. Durch die Vermittelung^ dieses Agenten kam zwischen dem Khan und dem Zar ein Vertrag zustande, dessen

l Garantie höchst wahrscheinlich England übernommen hatte. Die gefangenen Russen

^ wurden freigelassen und der Fürst verpflichtete sich zur Abschaffung des Sklavenhandels.

Die Agenten Stoddart und Conolly in Chokand und Bochara.

Nicht Chiwa allein, auch Bochara und Chokand sollten durch die RathschlägeNnd geheimen Einflüsterungen der Inselbewohner im äußersten Westen der alten WeltGleitet werden. Wahrscheinlich suchte man von hier aus mit den immer unzufriede-nen Usbeg im chinesischen Turkestan Verbindungen anzuknüpfen, um auch den Nord-