Die Engländer und Russen in Persien und Mittelasien. 655
aller Art angefüllten Loch und man gestatte ihnen nicht einmal, die Kleider zuwechseln. Es wurde Alles aufgeboten, um diese wackern Männer der Hand desNasr Allah zu entreißen: der Statthalter von Indien, Rußland, die Pforte undChiwa verwendeten sich vergebens für die Offiziere; selbst das Schreiben der Königinvon England ward nicht geachtet. Später kamen allerlei Gespräche nach Indienund Europa über das Schicksal dieser Unglücklichen. Bald hieß es, Conolly sei imGefängniß gestorben, bald sollten Beide noch am Leben sein. Indessen lief die be-stimmte Nachricht ein, daß Stoddard und Conolly (17. Juni 1842), obgleich Er-sterer sich seit drei Jahren zum Islam bekannte, öffentlich auf dem viereckigenRaum vor ihrem Gefängnisse enthauptet wurden. Dem Einen ward die brieflicheMittheilung an seine Landsleute in Kabal zum Verbrechen angerechnet, und dem An-dern sein Getriebe in Chokand zum Nachtheil des Fürsten der Gläubigen in Bo-chara. Diese Angaben erhielten später durch die Reise des unternehmenden Dr. Wolfnach Bochara ihre volle Bestätigung.
Dost-Muhammed in Zndien und die Engländer in Kabal.
Bei all diesen weitaussehenden Planen, die vom Mittelpunkte Kabal nach allenRichtungen ausgesponnen wurden, verlor man den flüchtigen Dost-Muhammed nichtaus den Augen. Macnaghten knüpfte mit dem Emir, welcher Bochara, wo er anfäng-lich mißhandelt und selbst gefangen wurde, verlassen und die südlichen Ufer des Amuwieder betreten hatte, Unterhandlungen an und hoffte, der Fürst würde sich, ohnefernern Kampf zu wagen, den Wünschen Großbritanniens fügen. Dies war
jedoch nicht der Fall. Die einzelnen Unfälle, welche die Engländer in der letzter»Zeit erlitten, ermuthigten wol den Dost, sich neuerdings mit Chulm und Konduszu verbinden und nochmals das Glück der Waffen zu versuchen. „Unterliegen dieFremden in einem bedeutenden Treffen, so wird sich das ganze Land wie Ein Mannerheben.^ Ward doch kurz vorher eine Verschwörung entdeckt, wozu die ersten, dieeinflußreichsten Männer Kabals gehörten, und deren Zweck dahin ging, die neueRegierung zu stürzen und alle Fremden zu ermorden. Das Glück begünstigte dieersten Unternehmungen des Emir: die Engländer mußten die vorgerückten Postennach Bhamian zurückziehen, und ihre afghanischen Truppen entrannen in Masse
dem ehemaligen Gebieter entgegen. Der Fürst und seine verbündeten zahlreichen Us-öeg wurden zwar von einem Häuflein Engländer, die schnell von Kabal herbeieilten,zurückgeschlagen. Dasselbe Häuflein drang dann jenseit Bhamian vor, stürmte und zer-störte die Bergfestung Sighan. Dost-Muhammed erholte sich aber schnell wieder undin solcher Weise, daß er, von den Umständen begünstigt, im Stande war, seine Feindeam Perwanpasse im kabalischen Gebirgslande aufs Haupt zu schlagen und ihneneinen bedeutenden Verlust beizubringen. Die anglo-indischen Truppen verließen näm-lich, sobald der Feind heranrückte, unbegreiflicherweise ihre europäischen Hauptleute,Welche ausharrten und zum großen Theile niedergehauen wurden. Auch der treff-liche Naturforscher Dr. Lord hat bei diesem Überfalle das Leben verloren.
Der einsichtvolle Emir ergab sich aber keinen schmeichelnden Hoffnungen; er
^kannte seine trostlose Lage, sah, daß die Baraksi, aller einzelnen Vortheile unge-
achtet, unter den jetzigen Umständen am Ende doch erliegen müssen. Die geheimenVerbindungen mit den Sikh und, wie es heißt, selbst mit Nepal, führten zu keinem
Aele; der Winter stand vor der Thüre, die Geldmittel gingen auf die Neige, und
^urnes war überdies eifrig bemüht, den Anhängern des gefallenen Mannes ihreAeue um jeden Preis abzukaufen. Schnell war der Dost entschlossen. Er ritt nach^abal, wo seine Mutter, seine Schwestern und die meisten andern Glieder seinerFamilie seit mehren Monaten unter dem Schutze der Engländer lebten, und ergabstch der Großmuth des englischen Gesandten. Der Sohn Akber mißbilligte diese..^schnelle That; er trennte sein Geschick von dem des Vaters und floh nochmals^er den Hindokuh zum Fürsten der Gläubigen in Bochara. Die Engländer, solochte der Emir denken, sind eine hochherzige Nation, sie werden den Feind, der