Band 
Fünfter Band.
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656 Die Engländer und Russen in Persien und Mittelasien.

sie soeben schlug und sich dann freiwillig als ihr Gefangener stellt, großmüthig be-handeln; vielleicht mögen sie mir jetzt, wo sie meinen Einfluß im Lande zu ihremSchaden kennen lernten, die Vezierstelle, welche ich früher in Anspruch nahm, frei-willig übertragen. Es haben sich aber noch Alle getauscht, welche auf die Eroß-muth eines fremden Volks rechneten, und so auch der Fürst von Kabal. Ihm halfes nichts, daß er (3. Nov. 1840) dem Gesandten entgegenritt, ehrfnrchtvoll vomPferde stieg und das Schwert überreichte zum Zeichen der Gefangenschaft. Mac-naghten war artig genug, dem Fürsten die Waffe wiederzugeben, was den Gebeug-ten sicherlich erfreute: es mochte ihm dies ein gutes Anzeichen sein für seine künf-tigen Wünsche und Hoffnungen. Dost-Muhammed hatte sich betrogen. SeineGegenwart in Afghanistan schien dem staatlichen Interesse Großbritanniens und denumfassenden Planen seiner Abgeordneten entgegen. Man sandte ihn sammt seinerganzen Familie jenseit des Indus, und wies ihnen den Ort als Gefängniß an, woehemals Schudschah das Brot der britisch-ostindischen Compagnie gegessen hatte.

Die britischen Beamten in Afghanistan waren, gleichwie die meisten in Indienzur Zeit Lord Auckland's, treffliche, freisinnige Männer: das Wohl des Landes undder lange unterdrückten Massen lag ihnen in Wahrheit am Herzen. Es mangeltenaber diesen Männern die nothwendigen Eigenschaften zur Durchführung eines großenpolitischen Planes; es fehlte ihnen Klugheit und Vorsicht, welche auch im Allge-meinen mehr dem schlechten als dem bessern Theile der Menschheit eigen sind. DieseBeamten konnten nicht warten, sondern platzten gleich mit ihren westlichen Glückst-ligkeits- und Staatsbegriffen heraus, und steigerten dadurch nur noch mehr den be-reits vorhandenen Widerwillen und den tiefgewurzelten Haß der hervorragenden Clas-sen der muselmanischen Gesellschaft. Man erklärte geradezu, das staatliche, religiöseund bürgerliche Gemeinwesen des von der Natur gesegneten Landes müsse verändertund das ganze sociale Gebäude auf neuem Grunde auferbaut werden. Aberglaubeund Unverstand müßten aufhören; auf ihnen werde blos die Herrschaft der heuchle-rischen Priesterschaft errichtet, welche bei allen Religionen, zu allen Zeiten und inallen Ländern das Fortschreiten der Cultur hindert und dem Wohle der Menschheitfeindlich entgegentritt. Der Zügellosigkeit, dem Fehdewesen und den Vorrechten derHäuptlinge sollten Schranken gesetzt werden, denn das Vorrecht hebe das Recht auf,Womit Jeder geboren werde; eine vernünftige Gesellschaft entstehe nur auf den*Grunde gleicher Rechte und gleicher Pflichten. Die nothwendige Folge dieses küh-nen, unüberlegten Beginnens war ein Kampf der Priesterschaft, der Khane undSirdar auf Leben und Tod gegen die ungläubigen Fremdlinge, welche, wie unsereknechtischen Sophisten sagen würden, das historische Recht zu Boden treten, dasheißt nicht mehr dulden wollen, daß die schreiende Gewaltthat, wonach die müßigenWenigen von der Arbeit der Massen schwelgen, in aller Ewigkeit fortdauere. Dashochmüthige und willkürliche Verfahren des Schah und seiner Knechte trug ebenfalls

nicht wenig dazu bei, den Frengi das Herz des fanatischen Volks zu entfremden

und den Ausbruch des unvermeidlichen Kampfes zu beschleunigen. Schudschahgierte in der Weise eines Mehemed Ali von Ägypten, eines Murad-Beg von Kon-dus. Die Bewohner der Thäler und Ebenen entflohen in schwer zugängliche Berg*vesten und Bergspalten, nicht weil sie einem ruhigen Regimcnte abgeneigt waren,sondern weil sie die verlangten Abgaben nicht erschwingen und die fiscalcn Maßr^geln der neuen Regierung nicht mehr ertragen konnten. Der Vezier, ein geist^schwacher, von den stolzen Häuptlingen der Stämme verachteter Mullah, machtedies seinen vom Anfange an nicht beliebten Gönner im ganzen Lande zum Geg^stände des Hasses und des Abscheus. Mullah Schikar, der Liebling des Fürst"'

war gemein, talentlos und unbedeutend in jeder Beziehung — ein getreues ^

der Diener und der ganzen Umgebung aller Despoten im Abend- wie im Morge^lande. Die vielen Beschwerden des afghanischen Volks gegen den Vezier brawBurnes vor daS Gericht des Schah und Macnaghten's, und schilderte mit krast^Zügen den traurigen Zustand des Landes. Es war aber Alles vergebens.