Die Märzkatastrophe tu Ostreich. 717
auf dessen dringende Vorstellung, das Volk verlange nichts als das Ausrücken derBürgerwehr, die hochmüthige Antwort gegeben: „Einem Volke, das verlangt, gebe ichnichts; ich werde es zu tractiren wissen." Eine unheimliche Pause folgte nun. DieTruppen waren auf wenige Sammelplätze zurückgezogen und warteten Gewehr imArm auf weitere Befehle. Die übrigen Straßen waren leer von ihren gewöhnlichenBesuchern. Die Wagen waren von dem Pflaster verschwunden, die Gewölbe ge-sperrt. Einzelne Hausen, meistens aus den arbeitenden Classen, führten ungehindertmit Triumph- und Rachegeschrei Verwundete auf erbeuteten Offizierpferden durch dieStraßen oder zogen umher, um sich mit den Trümmern von Baugerüsten, Wach-Häusern, Ankündigungstafeln zu bewaffnen. Die ihnen begegnenden Patrouillen wur-den laut verhöhnt. Der Verkehr zwischen der Stadt und den Vorstädten war ganzgesperrt; nur einzelne unverdächtige Personen wurden an den besetzten Thoren ein-gelassen. Nur das Franzensthor war durch eine seltsame Vergeßlichkeit offen geblie-ben. Auf dem Glacis hatte sich die Bevölkerung der Vorstädte überall in dichtenMassen versammelt, und begrüßte jubelnd die einzelnen Bürgergarden, die sich nuneinfanden. Die Behörden ließen sichtbar Alles den eigenen Weg gehen. Alles schienauf eine nahende große Krise zu deuten, deren letzte Entscheidungen sich in den Ge-mächern der Hofburg vorbereiteten.
Wir müssen, um dies zu erläutern, auf jenen Punkt unserer Erzählung zurück-kehren, wo sich die ständische Deputation in Bewegung setzte. Man hatte sie, alssie an der von Soldaten umringten Hofburg ankam, eingelassen, ihre Begleiter hatteman mit Bayonneten zurückgewiesen. Sie fand in der Burg die Staatsconferenz mitbeigezogenen Mitgliedern des Staatsraths in Berathung versammelt. Auch die Mit-glieder der kaiserlichen Familie waren alle anwesend und die zu ihrem Hofstaate ge-hörigen Personen vollzählig um sie versammelt. Somit war das kaiserliche Parketselbst das Schachbret, auf dem sich die Figuren des großen Spiels sammelten, dasmit dem historischen Matt! des Abends endigen sollte. Aber seitdem waren mehrals zwei Stunden verflossen, und es war noch kein bedeutender Zug geschehen. EinBlick auf die sich balancirenden Parteien und Einflüsse erläutert dies. Die Staats-conferenz, die permanent aus den Erzherzogen Ludwig und Franz Karl, Metternich,Kolowrat und in der Regel den Staatsräthen Hartig und Pilgram bestand, warihrem Ursprünge nach eine blos berathende Körperschaft. Nach der ihr zugrunde-liegenden Rechtssiction erstattete sie dem Kaiser Bericht, und erhielt von ihm dieWeisung über seine Entschlüsse. Aber in der Wirklichkeit bestand gerade das Gegen-theil dieser Fiction. In Folge des Umstandes, daß das Eintreten nervöser Zufälleoder die Furcht davor den Kaiser fast unausgesetzt am Regieren hinderte, war siethatsächlich der Kaiser selbst. Erzherzog Ludwig unterzeichnete als des MonarchenStellvertreter die Beschlüsse, welche die Conferenz unter seinem Vorsitz gefaßt. DieEntfernung Metternich's, die Änderung des Systems, oder wie man sonst diese einesich gleichbleibende Foderung einkleiden wollte — dieses Verlangen hieß also eigentlichdie Conferenz bitten, sich selbst abzusetzen. Daher der geringe Erfolg der Ständeund der mit ihnen verbundenen Partei am Hofe. Auf die von den Ständen demKaiser persönlich vorgelegte Adresse wurde ihnen von der Staatsconferenz der münd-liche Bescheid ertheilt: Se. Majestät würden Dasjenige, was den gegenwärtigen Zeit-verhältnissen entspreche, durch ein eigenes Comite prüfen und höchst Ihrer Entschei-düng unterlegen lassen, sodann aber das zum allgemeinen Wohle der GesammtheitDienliche mit Beschleunigung verfügen. Eine diese Zusicherung enthaltende Procla-wation wurde auch wirklich im Laufe des Nachmittags veröffentlicht, und CivilbeamteAmtskleidern wurden beauftragt, das in den Straßen versammelte Volk drei maliurn friedlichen Auseinandergehen aufzufodern mit Hinweisung auf die sonst einschrei-tende Militairgewalt.
Umsonst remonstrirten die ständischen Deputirten aufs eifrigste gegen solche nichts-Agende Bescheide, umsonst schlugen Einzelne von ihnen alle directen und indirecten^ege ein, um bei den Lenkern des Tages einer richtigern Ansicht von dem Stande