732 Die Märzkatastrophe in Ostreich.
Sicherheit, ja seine Existenz war in seine Hände gelegt. Um 11V- Uhr, wahrendnoch die Häuser zur Feier der errungenen Concessionen erleuchtet, während noch diePatrouillen von Bürgern und Studenten sür die Ruhe sorgten, wurden Placate anallen Ecken angeschlagen, die in lapidarischer Kürze Wien in Belagerungszustand er-klärten. Dank der vorgerückten Stunde, daß diese kopflose Herausfoderung ihrenächste, sonst fast unausweichliche Wirkung verfehlte. Auf der Universität, wo sieauf geheimem Wege schon eine Stunde vor ihrem Erscheinen bekannt geworden, ge-lang eS Köck, die bereits drohende Explosion durch Hinweis auf die schlafende Stadtzurückzuhalten. Auf den Straßen wurde das Placat durch die Erbitterung der er-sten Leser überall, wo es erschien, so vollständig und rasch vernichtet, daß schon amnächsten Tage seine Existenz eine gegenstandslose Schreckenssage war. Die Nachtverlief still, wenn auch nicht ohne dumpfe Aufregung der unter den Waffen Ste-henden. Bald hieß es, daß ungeheure Proletarierhaufen gegen die Thore der Stadtzögen, bald meldete man verdächtige Bewegungen des Militairs. Immer fand eSsich, daß die Gerüchte grundlose gewesen. Aber der frühe Morgen brachte wiederzwei Placate, welche die düsterste Erläuterung zu dem von Mund zu Mund gehen-den Ereignisse der Nacht gaben. Durch das eine wurde die bereits erwähnte Ein-berufung von slawischen, deutschen und italienischen Ständeausschüsscn zu legislativemund administrativem Beirath kundgemacht. Dieser Publication zur Seite stand dieOrdonnanz des Gewalthabers, durch welche, unter stillschweigender Berufung aufden Belagerungszustand, die Bürger sich den öffentlichen Maßregeln für Ruhe undSicherheit in Gehorsam zu fügen aufgefodert, und jede Beleidigung seiner Truppen„alles Ernstes" zu vermeiden „ernstlich" gewarnt wurden. Es war unmöglich, sichnoch eine Illusion über Das, was in den Worten lag, zu machen. Auch dem gutmüthigzutraulichsten Doctrinaire mußte klar werden, daß es sich nicht mehr um Form undGang deS konstitutionellen Lebens, sondern schon um dessen Vernichtung selbst han-dele; und diese Einsicht drängte, wie eine verzweifelnde Nöthigung, die verschiedenstenVertheidiger des Fortschritts in ein unterschicdloses Lager. Eine tiefsiedende Erbitte-rung bemächtigte sich der Gemüther. Der Ausspruch: man müsse um jeden Preis undauf jede Gefahr hin endlich ein Resultat erlangen! wurde immer mehr die allge-meine Losung. Die Bewohnerschaft WienS stand einig, wie nie zuvor und niewieder, in dem Entschlüsse, den ihr gebotenen Kampf bis aufs äußerste zu führen.
Wahrend so die Möglichkeit einer tollkühn hervorgerufenen Katastrophe mit je-dem Augenblick näherrückte, war jedoch im Innern der Hofburg selbst ein Wechselder Politik eingetreten, der seinen letzten Grund in dem abermaligen Überwiegen dy-nastischer und persönlicher Befürchtungen über kaltblütige Berechnungen hatte. DieMotive hierzu waren doppelt. Am Tage vorher war Kossuth bei der ungarischenStändetafel aufgetreten, und hatte auf endliche Berathung seines am 3. März ge-stellten Antrags gedrungen. Nach der eigenthümlichen Geschäftsordnung beider un-garischen Häuser (der ständischen und Magnaten-Tafel) beriethen diese jeden Gegen-stand erst abgesondert und dann gemeinschaftlich, und man hatte die damalige Ab-wesenheit des Palatin als Vorwand benutzt, um die Berathung bei den Magnatenbis zu dessen Rückkehr zu vertagen. Jnoesscn waren die Nachrichten von den Vor-fällen am 13. März nach Presburg gelangt, und Kossuth konnte nun mit um sogrößerm Nachdruck bei der Ständetafel gegen jede Verschleppung auftreten, sodaß derzurückgekehrte Palatin eilte, den weitern Vorwürfen auszuweichen. Nachdem Kossuthfrüh gesprochen, wurde Nachmittags um 3 Uhr eine Magnatensitzung gehalten, dieder Palatin selbst, die allgemeine Stimmung und den Entschluß vieler Magnatenkennend, mit der warmen Empfehlung, ja indirecten Auffoderung eröffnete, den An-trag anzunehmen. Es geschah. Man vereinigte sich unmittelbar darauf mit denStänden zu einer gemeinschaftlichen Sitzung, in der man beschloß, am nächste"Morgen durch eine Deputation, den Palatin an der Spitze, die Gewährung dieserLandeswünsche in Wien zu fodern. Die officiellen und vertraulichen Mittheilungenüber alle diese Vorfälle hatten den Vorsprung der Nacht, und also Zeit genug 6^