Das neue deutsche Drama.
Gervinus und alle Gleichgesinnten, welche die deutsche Nationalliteratur mit GoetheUnd Schiller abschließen, und in den Bestrebungen der Epigonen nur Nachklängeunserer classischen Epoche oder verunglückte Neubildungen finden, werden auch demDrama der Gegenwart jede Bedeutung absprechen. Wie dürfte auch unsere ZeitDramen von Bedeutung prvdmiren, nachdem GervinuS es ausgesprochen, daß derpeinige Beruf des deutschen Volks jetzt die Politik, die Wiedergeburt des Vaterlandesnachdem er selbst sich diesem Beruf mit Begeisterung zugewandt? Höchstens°urfte die Muße der viclgequältcn Staatsverbesserer in verschämter Einsamkeit sichU" den ewigen Quellen der Klassicität erquicken und die Büsten der marmornen Li-gatur öfter mit neuen Kränzen aufputzen. So läßt denn auch Gervinus das Sturz». der Shgkspeare'schen Poesie durch ein seines kritisches Sieb hindurchsickern, indemr ,n vier starken Bänden den „trunkenen Wilden" civilisirt, und in eleganter Ne-^oductivn seiner Dramen, in kritischen Glosse» und geschmackvollen Conjecturen, mitcourfähigen Gelehrsamkeit, welche den Staub von den Folianten geblasen hak,' sch einmal bis auf den Grund den Kelch der Shakspearc'schen Weisheit leert. Dochder stolzen Vorrede zur Shakspeare-Kritik des Gervinus, seit dem absoluten Veto,as ste gegen etwaige neue Dichtungsversuche eingelegt., ist die politische Bewegung,vclche in den Händen der Gesinnungsgenossen des Literarhistoriker- war, rettungslos^scheitert; und es dürfte wol jetzt, wenn man die Consequenz seiner Ansichten zieht,>°der die Stunde der bescheidenen poetischen Production geschlagen haben. Die Be-rgung war gescheitert und mußte scheitern, bei so einseitiger Auffassung, welche sie^ dem ganzen geistigen Leben der Nation, das in der Kunst seine schönste Offen»»tung und seinen wahren Cultus feiert, zu isoliren suchte; sie mußte scheitern beigeringer Kenntniß und Würdigung der Elemente, welche sie hervorgerufen. Dennd a.Mich, nicht die Doctrinen des KalhederS, sondern das ganze Zeitbewußtsein selbst,» gerade von den jüngsten Richtungen der Kunst und Literatur getragen Wurde,ibr^m" Grund, aus welchem die politische Bewegung auftauchte. Wie konnte aberin allen Instanzen gewonnen werden, wenn Diejenigen, die sich zu ihrenvvocatcn machten, die Acten und Zeugnisse ihres hohen Berufs wegwarfen?
. . Doch trotz dieses Veto jener Kritiker hat die poetische Productionskraft der Nation! ylreiche Blüten getrieben; ja auch auf der Bühne hat sich eine neue Richtung Bahnbe»!a^"-s, von künftigen Literarhistorikern selbst in ihren Anfängen nicht so un-" ^"d, wie von den kritischen Wortführern der Gegenwart. Die drä-sche Uteratur hat in der jüngsten Epoche in doppelter Weise eine bedeutsame