2 Das neue deutsche Drama.
Wendung genommen: sie hat, von den Verirrungen der romantischen Epigonen zu- vo
rückkehrend, sich wieder der Bühne und damit dem Wolke zugewendet, und anderer- ha
seits den ganzen Gehalt einer daS alte Weltbcwußtsein umstürzenden Zeit in sich auf- ! §rgenommen. -Die Aufgabe, die sich die Dramatiker der Jetztzeit, insofern sie ihr wahr- fig
haft angehören, unterzogen, war keine geringere, als diese» neuen Gehalt mit den st»
ewigen Formen der Schönheit zu vermitteln, und so das Bild diese- Zeit in voll- Sl
rndeter Form für alle Zeiten hinzustellen.
Dieses neue classische Ideal, lebendig im allgemeinen Bewußtsein, erfaßt von der l">vervollkommneten Theorie, angestrebt von der Praxis der dramatischen Dichtung, ! ^konnte natürlich in den revolutionären Anfangen einer geschichtlichen Übergangsepoche ! vrinicht erreicht werden; aber es scheint doch, als der wesentliche Kern, durch die mo» ^ ve>
deine dramatische Dichtung hindurch, und gibt ihr die eigentliche Bedeutung. Thö- v»
richt sind die Befürchtungen Derer, welche das ewige Gesetz der Schönheit durchdie unbedingte Hingabe der Dichter an den Gehalt und Geist ihrer Zeit gefährdet vciwähnen. Das ist ja das erquickende Labsal der Idee, aus ihrer monotonen Einsam-keit ewig neu unterzutauchen in dem Weltstroni, in dem reizvollen Wechsel der Zei- ^rs
ten sich in stets erneuter Gewandung den Selbstgcnuß ihrer Göttlichkeit zu geben. ii.ct
Die Tragödien eines Sophokles, mit der Stirn des Zeus und allen Grazien des ^
HellenenthumS, die Tragödien Shakspeare's mit dem Aufschwung des erwachen-den Britenstolzes und der ersten, wahrhaft modernen Vertiefung in das universelle ,Leben, wie sie im jungen Protestantismus lag: wodurch sind sie unsterblich gewor-den, als weil sie den Geist ihrer Zeit mit der Macht des Genies in schönen For- ""
men wiedergaben? Oder ist die Berklärung deS Katholicismus in Dante und Cal» .
deren nicht auS ihrer Zeit herauSgebore» ? Freilich, wer jetzt dichten wollte, wie "
diese, der wäre nur ein vergänglicher Dilettant, während jene unvergängliche Dichterbleiben. Rassel war ein begeisterter Künstler, als er seine Madonnen malte: er spie-gelte das allgemein menschliche Ideal in den Reflexen der Kirche, in jener phan-tastischen Entäußerung, wie sie die Andacht des gläubigen Mittelalters mit Inbrunst .erfaßte. Wer jetzt Madonnen malt, wie Rafael, der verzichte auf die Unsterblich-keit; denn er ist ein schlechter und unwahrer Copist in einer Zeit, welche daS allge- ^
mein Menschliche längst von den Formen der phantastischen Illusionen befreit und "
in seiner Schönheit und Wahrheit ohne Heiligenschein hingestellt. Nur der Dilettan- ^
tismuS lügt sich in eine untergegangene Weltanschauung hinein; die Kunst geht stet- ^
aus der lebendigen Gegenwart hervor. Wer den Besten seiner Zeit genug gethan, ^
der hat gelebt für alle Zeiten; und nur wer im Geiste seiner Zeit gedichtet, der hat ^
gedichtet für alle Zeiten. Dies gilt von jeder Epoche, auch von der jüngsten; vonjeder Dichtung, auch von der- dramatischen. Selbst Schiller und Goethe genügen ^
nicht mehr unbedingt, bei dem bedeutenden Umschwung deS politischen und socialen ^
Lebens und der ästhetischen Kritik der letzten Jahrzehnde. Man muß die- um so ^
entschiedener betonen, je mehr man die ganze aufkeimende jüngere Literatur in demSchatten dieser marmornen Literaturgötscr begraben will. Die Zeit der Apotheosemuß abgelöst werden von einer Zeit der Kritik. Goethe's Dramen ermangeln der ^
forttreibenden Energie der Handlung. Sie sind theils geschichtliche Genrebilder, wie ^
„Göh" und „Egmont", in denen die Charakteristik bis zur liebevollen Ausmalungdes kleinsten Detail überwiegt und den Fortgang der dramatischen Action, die groß-artige Auffassung geschichtlicher Principien und ihres Conflicts in Schatten stellt; «theils sentimental-bürgerliche Komödien mit dem Firniß des Rococo, wie „ Stell«" ist
und ,Mavigo" mit Marien'S charakterloser Schwindsucht und Clavigo'S schwindsüch-, M
ideale Skizzen, wie „Tasso", ohne dramatischen Ab- A
schluß, oder vorn Hellenenthum abhängige Dichtungen, wie das beste Drama vo» daß
allen, „Jphigema", oder den Rahmen deS Drama sprengende, titanische Schöpf»»' tzuj
gen, wie der „Faust". In allen fehlt der eigentlich dramatische Nerv, oder dieser angeht in der lyrW-epischcn Ausbreitung verloren. Schiller, ein ungleich größerer tl>Dramatiker als Goethe, hat schon durch das geschichtliche Pathos, das er beherrscht,