3T Der Kirchenstaat.
Bürgcrgarde umarmt, geküßt und niit Segnungen überhäuft. Männer auS demVolke liefen nach dem Capital, nach der Kirche San-Pietro und Monte-Citorio, umNom durch Glockenläuten die Wiedergeburt der Republik zu verkündigen. EineViertelstunde darauf wiederholten die Glocken aller Kirchen, Klöster und Kapellender Stadt und der Vorstädte dieselbe Verkündigung. Nom gab sich aufs neue wiein den beiden ersten Negicrungsjahren Pius' IX. dem lautesten Jubel, dem berau-schendsten Enthusiasmus hin. Die Republik schien in den Mauern Roms keine»Gegner zu haben; die äußere Bewegung ließ nur die seltenste Eintracht unter denBürgern wahrnehme». Entmuthigung oder von der Klugheit gebotenes Nachgebenbestimmten die geheimen Anhänger des Papstthums, deren es sicher gab, den re-publikanischen Manifestationen nicht störend entgegenzutreten. Am Nachmittage des9. Febr. strömten unabsehliche Volkszüge nach dem festlich geschmückten Capital, vondessen Balcon herab der Präsident der Constituente, General Galetti, das republi-kanische Fundamentaldecret der Constituente verkündigte. In den tausendstimmigenBeifallsrausch der Menge mischte sich der Kanonendonner von der Engclsburg unddas Glockengeläute vom Capital. I» den Kirchen wurden feierliche Dankgebctegehalten.
Der nächste Act der Constituente war die Ernennung eines Exccutivcomiteaus drei Personen: Carlo Armcllini, Aurelio Saliceti und Mattia Montecchi, dieihrerseits ein neues Ministerium wählten, dessen Mitglieder Muzzarell! (Präsidentund für den öffentlichen Unterricht), Nusconi (Äußeres), Saffi (Inneres), Lazzarmi(Justiz), Guiccioli (Finanzen), Sterbini (öffentliche Bauten) und Campcllo (Kriegund Marine) wurden. In einer Proclamation an alle Bürger des Staats wurdendiese vom Erecutivcoinite aufgesodert, der neuen Regierung mit Treue anzuhängenund sich durch Aufrcchthaltung der Ordnung der Freiheit würdig zu zeigen. Gleich-zeitig veröffentlichte die Regierung ein Programm, worin sie die von ihr beabsichtig-ten Reformen aufführte — ein Aktenstück, dessen Geist und Worte das französischeSchreckcnssystem von 1793 entschieden vcrurtheilten, und das viel dazu beitrug, dieFurchtsamen zu beruhigen. Ebenso beruhigend wirkte ein Decret, durch welches dieRepublik die Garantie der Staatsschuld übernahm.
Der Jnterventionsplan der Mächte; die Idee der politischen Einheit Italiens; der letzteKamps Karl Albcrt's mit Ostreich.
In Gaeta wurde die Proclamirung der römischen Republik mit um so größermSchrecken vernommen, als die wiedergekehrte Ruhe und Ordnung und der Mangelaller Anzeichen zu einer Erhebung der päpstlich Gesinnten gegen die neue Regierungkeine Stütze des Papstthums mehr in der Bevölkerung des Kirchenstaats erblickenließen. Inzwischen antwortete Pius IX., umgeben vom Cardinalcollegium und imAngesichts des diplomatischen Corps, am I I. Febr. auf die Beschlüsse der römischenConstituente mit einem Proteste, an dessen Schluß er auf eine bewaffnete Interven-tion der katholischen Mächte zur Wiederherstellung seiner weltlichen Gewalt, alswelche zur freien Ausübung des katholischen Apostolats nothwendig und unerläßlichsei, hindeutete. Der Jnterventionsplan war in der That seitens der GesandtenSpaniens, Neapels, Frankreichs und Ostreichs eingeleitet, und nur die Ungewißheit,die damals noch über den Geschicken Europas schwebte — Sicilien, Venedig, Pic-mom und Ungarn standen noch in den Waffen, während die Jnsurrection drohendihr Haupt Deutschland erhob und die revolutionären Parteien in Frankreich sichzu neuen« Kampf« rüsteten — ließ den Intervention-plan erst später zur Ausführungkomme». Mehr als durch den päpstlichen Protest, der die Constituente zu einerProklamation, „an alle Völker Europas" veranlaßte, wurde Nom durch das Ei»'dringen der Ostreich» um» General Haynau in das römische Gebiet und die Be-setzung Ferraras aus seiner Sicherheit geschreckt. Haynau hatte sich Ferraras unterdem Verwände bemächtigt, daß «r schwere Beleidigungen zu rächen habe. Bei die-ser Nachricht erhob sich ein Schrei der Entrüstung in der Constituente. Die Ne-