88 Der Kirchenstaat.
thumS wieder, ohne politische Bedingungen auf;«stelle», ohne Garantien zu federnfür eine weise Regierungsleitung unter der Betheiligung des Nationalwillens, den dau-ernd zu verleugnen heute nirgend mehr möglich ist. Es rettete durch seine Restau-ration im Papste den zeitlichen Fürsten auf Koste» seiner wesentlichen kirchlichen undreligiösen Macht, und wälzte allen in Rom und ganz Italien tiefgewurzclten Haßgegen die Hierarchie, einen Haß, der durch die Restauration derselben vermittelstfremder Waffen und entsetzlichen Blutvergießens nur um so unversöhnlicher gewor-den, gleichzeitig auf den erhabenen religiösen Charakter des Pontisicatö. So hatdenn Frankreich eine Herrschaft wieder aufgerichtet, die sich nur durch die Stützefremder Armeen zu erhalten vermag, einer Herrschaft, deren Scheinbestand unzer-trennlich geworden ist von der Hinopferung der Nationalität und der politischen Selb-ständigkeit nicht nur Roms, sondern des größten Theils Italiens. Frankreich hatdazu beitragen, daß sich dem Nevvlutionsprincip von 1848 und 1849, der Ent-kleidung des Papstes, von weltlicher Gewalt, neue revolutionäre Keime beigesellt ha-ben, die unter dem Schatten eines seelenlosen Priester- und Militärdespotismnsfortwuchern und das Papstthum überhaupt, seinen religiösen und zeitlichen Charakter,in Italien mit neuen Gefahren, ja mit Untergang bedrohe». Seit dem französi-schen Restaurationsact zu Rom ist es da- Schlagwerk selbst der italienischen Lide-ralen geworden, daß mit dem Papstthum die Entwickelung der politischen und na-tionalen Freiheit nicht möglich sei!
Wie wenig die französische Politik geneigt war, ihren Einfluß bei der Wieder-herstellung der päpstlichen Gewalt in versöhnlichen« Sinne geltend zu machen, leuchtetaus der Wahl der Männer hervor, die bestimmt waren, von der wiedererobertenpäpstlichen Fahne Besitz zu ergreifen und den Staat im Namen Pins' IX. zu regie-ren. Noch am 15. Juli wurde eine Regierungscommission eingesetzt, bestehend ausdrei Personen, den Cardinälen Vannicelli, Alticri und della Genga, die sich bald,und nicht mit Unrecht, wegen ihrer zügellosen Verfolgungssucht, wegen ihres maß-losen Eifers, alle gregorianischen Misbräuche wiederherzustellen und die Oppressiouso empfindlich und allgemein als möglich zu machen, den Beinamen des rothenTriumvirats zuzog. In Rom allein ließ sie in den ersten drei Wochen ihrer Herr-schaft über 50 Geistliche in die Gefängnisse der Engclsburg werfen, weil sie bei po-litischen Vorkommnissen unter der Republik, oder selbst nur bei der Leichcnbcstattungim Kampfe gefallener Republikaner die gottesdienstliche Feier geleitet hatten. Daserste Bestreben, das sie zu Tage treten ließ, war, die politische Verfolgung zu orga-nisiren. Sie setzte eine sogenannte Censurcommission ein, die die specielle Ausgabehatte, über die politische Führung und Gesinnung aller Beamten, selbst der sub-alternsten, Berichte anzufertigen. In den ersten drei Monaten schon wurde einDrittheil der Beamten abgesetzt; Andere wurden cxilirt, noch Andere in die Gefäng-nisse geworfen. Und nachdem die Cardinalcommission das päpstliche Jnquisitonstri-bunal und die klerikalen Gerichtshöfe wiederhergestellt hatte, wurden eine Mengevon Ober- und Unterbeamten, einzig und allein des Verbrechens schuldig, der Repu-blik gedient zu haben, zu langen Gefängnißstrafen, zur Zwangsarbeit auf Lebenszeitu. s. w. verurtheilt. Mitglieder der Constitucnte wurden unter Mitwirkung franzö-sischer Soldaten verhaftet und nach langer Präventivhaft mit 15- bis LOjähriger Ge-fängnißstrafe belegt. Nur einem der verhafteten Deputirten, Cernuschi, gelang cSnach einjähriger Präventivhaft aus dem Gefängniß zu entkommen. Vor der zügel-losen Verfolgung«- und Rachsucht mußten ebenso sehr gemäßigt Liberale, die sich niebei der republikanischen Bewegung betheiligt, ja selbst Männer, die ihr beständig ent-gegengetreten waren, wie Mamiani, Galiotti, Gualterio, Farini, der Pater Ventura,^ ^ "ch Radikalen in der Flucht suchen. Wie in Rom, so erhielt die
Reaction auch bald m Ancona, Bologna, Terni, Nimiin und andern Orten dieBlutweihe, indem bald die Militär-, bald die geistlichen Tribunale junge Leute wegenDetention einer Waffe zur Todesstrafe verurlheillcn, die gewöhnlich vermittelst derKugel epecutirt wurde. Die geheime Polizei wurde nach dem Muster der grego-