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Der Kirchenstaat.
Reflexe des päpstlichen Hofes zu schaffen. Dem Motuproprio folgte am 18. Sept.«in Amnestiedecrct, das, voll von Ausnahmebestimmungen, an der eingerisscnen Ver-folgungswuth nicht das Mindeste änderte, ja sie ermunterte. Von der Amnestie warenausgenommen : die Mitglieder der Provisorischen Regierung, die Mitglieder der Con-siitucntc, die Mitglieder des Triumvirats und der republikanischen Regierung, dieChefs der Militärcorps, alle frühern Amnestirten, die sich bei der republikanischenBewegung betheiligt hatten u. s. w. Am Schlüsse dieses Decrets, wahrscheinlich einWerk Antonclli's, hieß es: „Durch die gegenwärtige Amnestie soll nicht beabsich-tigt werden, die Ncgierungs-, Provinzial- und Mmicip.albeamten, die sich währendder verwichencn Bewegung unwürdig geführt, in ihren Ämtern zu erhalten. DieserVorbehalt findet volle Anwendung auf die Militärs aller Waffengattungen und allesonstigen Beamten." Die „unwürdige Führung" konnte hier natürlich nur in einempolitischen Sinne genommen werden, und jeder einfache Soldat, jeder einfache Poli-zeidiener, der der Republik gedient, hatte damit unwürdige Führung bekundet.
Der Zweck, den PiuS IX. durch die Amnestie und das Motuproprio erreichenwollte, wurde verfehlt, um so mehr, als sonst kein Anzeichen eintrat, das auf eine Sin-nesänderung der Regierenden hoffen ließ. Die Erbitterung gegen die restaurirte Pric-sterherrschaft sowie gegen die fremde Soldateska, die unter Anführung von Sbirrendie Straßen durchlief, bei Haussuchungen und Verhaftungen mitwirken mußte, undaußer ihren Polizeidiensien sich durch häufige Bravour gegen Waffenlose glühendenHaß zugezogen hatte, führte fast täglich zu heftigen Kollisionen zwischen den Unzu-friedenen und Denen, die ihre Hand zur Unterstützung der neuen Dinge boten. Zügel-lose Verwilderung der Gemüther trat ein, in deren Gefolge Meuchelmord gegen fran-zösische Soldaten, Attentate gegen päpstliche Beamte und Priester, und blinde Zer-stvrungswuth gegen die äußerlichen Wahrzeichen der neuen Herrschaft als gewöhnlicheErscheinungen auftauchten. Erschreckt und entsetzt über die Ausbrüche der fortwüh-lenden und fortglühenden Leidenschäflen, vertagte Pius IX. seine Rückkehr von Tagzu Tage, von Woche zu Woche, von Monat zu Monat. Unzählige mal wurdeseine Wiederkehr angekündigt und ebenso oft wieder, mehrmals in Folge der zerstör-ten Ehrenpforten, die das Municipium, die Geistlichkeit, das Militär zum EmpfangePius' IX. errichtet halten, abgesagt. Endlich hielt er im Monat April 1850 seinenEinzug in die Ewige Stadt, düster, gealtert, mit verändertem Sinn und verändertenGefühlen, trauernd über den Äbgrund, der sich zwischen ihm und dem römischenVolke geöffnet, und die Unmöglichkeit erkennend, ihn wieder auszufüllen.
Seitdem ist über ein Jahr verflossen, eine Epoche, deren trostlose Episoden nie-derzuschreiben wir uns hier nicht berufen fühlen. Mit Entsetzen hat Europa dielange Reihe von politischen Verfolgungen, Ungerechtigkeiten, von Füsilladen in Masse,deren Zeugen fast alle Städte der römischen Staaten gewesen, von politischen Meu-chelmorden, von zahllosen Acten wilder Leidenschaft, vernommen, und den Despo-tismus in der Gestalt der Anarchie, und die Änarchie in der Gestalt deS Despotis-mus einander mit Todcshaß gcgcnübertrcten und sich wechselseitig unzählige Opferabringen sehen. Die Kerker mit Tausenden politischer Gefangenen überfüllt*), dasplatte Land schutzlos organisirten Räuberbanden preisgegeben, überall wachsendes Elendund wachsende Demoralisation, der Staat getheilt zwischen zwei fremden Armeen, die»ach Willkür schallen, die Bevölkerung in Parteien zerrissen, die Emigration perma-nent, permanent die Kriegsgerichte, die Jnquisitionstribunale, Kerker- und Todesstrafendas einzige Moralisations- und Repressivmittel, die Autoritäten ohne alles moralischeAnsehen und feindselig einander gegenüberstehend, die römische Polizei eine Feindin derl^"i°stschen, die französische eine Feindin der östreichischen Polizei, die fremden Mili-tarchefs argwöhnisch gegen den römischen Hos, dieser ohnmächtig und gedemüthigt,
*). Itomono", einem halbofficiellen römischen Journal, befanden
sich im Monat aitai (loSI) nicht wenioer als 8800 politische Gefangene in den Kerkern desrömischen Staats.