Die Wissenschaft der Nationalökonomie. 137
selben haben wenigstens die Tiefe ihrer Farbe in der neuesten Zeit verloren. DiePhilosophische Befähigung und Ausbildung, welche durchschnittlich dem deutschen Ge-lehrten eigen ist, hat in der Revision und Berichtigung vieler Grundbegriffe in derVolkswirthschaftslehre sich bewährt, und in der systematischen Anlage und dem ein-heitlichen Ausbau der Disciplin seine Früchte getragen. Freilich hat der Umstand,daß die Nationalökonomie in Deutschland lange Zeit fast ausschicßlich ihre Pflegeauf den Kathedern der Universitäten und durch die Literatur der akademischen Gc-lehrten fand, dem Eindringen der volkswirthschaftlichen Wahrheiten in die Masse derNation Hemmnisse in den Weg gelegt, welche durch die Ausarbeitung zahlreicher undzum Theil recht guter Compeudicn, wegen der für Jünger der Wissenschaft berechne-ten Haltung und Sprache derselben, nur wenig gemindert werden konnten. Indessenüberschätzt man leicht diese Schuld, weil ein solcher Connep zwischen der National-ökonomie und dem Volke ein anderes öffentliches Leben voraussetzt, als es auchin den ersten Decennicn dieses Jahrhunderts noch vorhanden war, und für die lctzt-verflossenc Zeit kann dieser Vorwurf an sich nur in stark gemilderter Form aufBerechtigung Anspruch machen. Mit Unrecht hat sich Say das obendrein durchseine eigenen Schriften factisch widerlegte Verdienst zugeschrieben, ungehörige Disci-plinen aus der Nationalökonomie ausgeschieden und eine systematisch durchgeführteOrdnung in die Behandlung ihres Stoffs eingeführt zu haben. Mit größcrm Un-recht, oder vielmehr in unfreiwilliger Komik, wirft sein Landsmann, A. Blangui,den deutschen Volkswirihschastsgelehrtcn vor (obwol er seine Unkenntnis! der deutschenSprache eingestanden hat und seine Unbckanntschaft mit der nationalökonomischenLiteratur in Deutschland nicht einmal übcrklcistern konnte), sie hätten in ganz kon-fuser Weise den fremdartigsten Stoff in ihrer Nationalökonomie zusammengeworfen.Vielmehr muß es als ein auch für den wissenden Ausländer unleugbares Verdienstder Deutschen angesehen werden, daß sie sowol die Gesammtheit der Staatswissen-schaften als auch den kleinern KreiS der staatswirthschaftlichen Disciplinen nach au-ßen und im Innern scharf abgegrenzt haben. Eher könnte, man noch sagen, daßdie begriffliche Scheidung den thatsächlichen Verbindungen gegenüber, welche das Lebenzeigt, zu weit gegangen wäre, und auf die Zusammenlegung des allzu nah Verwand-ln' zurückgegangen werden müsse. Auch zeigen sich die deutschen Nationalokonome»vorzugsweise befähigt, die widerstreitenden Principien in den Theorien der Volks-wirthschaftslehre und die Mannichfaltigkcit der Ergebnisse zu einem einheitlichen hö-Hern Ganzen zu verarbeiten, und damit die Versöhnung durch den Fortschritt derWissenschaft anzubahnen. Während der Engländer, auch hierin nationalste!;, sichauf die Kenntnißnahme von den nationalökonomischcn Leistungen seiner Landslcutemeist beschränkt; während der selbstgefällige Franzose schon an der oberflächlichenWitterung von den Leistungen des Auslandes genug hat, um in dem Glauben bc-stärkt zu werden, daß die große Nation auch zu», Voranschritt in allen Wissenschaftten unter den Völkern der Welt berufen sei, während in Italien selbst bei den Volks-svirthschaftslchrcrn durchschnittlich schon die mangelhaften Sprachkenntnisse ein un-übersteiglicheS Hinderniß zur Aneignung des Fremden sind: verarbeitet die deutscheNationalökonomie die Forschungen und Resultate aller Nationen und hat zusehendsgerade dadurch ihren Gesichtskreis erweitert. Gehen wir nach diesen Vorbemerkun-gen an die Vorführung der Hauptsractionen der nationalökonomischcn Wissenschaftin Deutschland.
Die deutsche Schule Adam Smikh'S.
Es Wiederholte sich bei dem ersten Bekanntwerden des Werks von Adam Smithauch in Deutschland dieselbe Erscheinung, die wir bereits in Frankreich kennen ge-lernt haben. Der Eindruck war so stark, daß nicht blos mehre Übersetzungen dieneue Lehre bekannt machten, sondern auch in nicht wenigen Büchern, welche aufden» Tikelblatte einen eigenen Verfasser lesen ließen, der Einfluß Adam Snüth's sich>n einer unbedingten Hingebung an seine Doctrin kund gab, fodaß er fast nur in