Die deutsche Nationalversammlung. 281'
Das 19. Jahrhundert hat, als das unseligste Vermächtnis des vorangegange-nen, die Aufgabe überkommen, die Geschicke Polens zu ordnen; eine Aufgabe, diegerade in den Zeitpunkten allgemeinster Wirrnis stets aufs neue an die Völker her-angetreten und nie eine andere Lösung gefunden hat, als daß der Druck des Un-heils noch härter und schwerer denn zuvor über Polen kam. Polen war schon Jahr-hunderte lang hinter der Entwickelungsgeschichte des neuern Staats zurückgeblieben,als eS sich plötzlich von drei mächtigen Reichen umgeben sah, deren jedes sich um seinerselbst oder um des andern willen »ach Vergrößerung gierig zeigte. So vsm übrigenEuropa abgetrennt, hätte Polen, tun solchen Nachbarn gegenüber sein Dasein zuretten, eine freiheitliche Gestaltung des ganze» Volks oder die unumschränkte Herr-schalt eines Fürsten bedurft. ' In Polen aber hatte sich keine Nation herangebildet;es gab nur unterjochte Bauern und eigensüchtige Adelsgeschlcchtcr, die um die Herr-schaft stritten. Da Polen nicht mehr auf seine Kraft, sondern nur noch auf denGerechtigkeitssinn seiner Nachbarn angewiesen war, ward es erobert, zerrissen, alsgute Beute vertheilt — ein warnendes Vorzeichen für Deutschland selbst, das mit-erobert und getheilt hatte.
In seinen besser» Zeiten hatte Polen deutsches Gebiet an sich gerissen, daSkehrte nun zu einem deutschen Staate zurück und diente als nothwendiges Vermitte-lnngsglied zwischen dem Mntterlande und seiner Cvlonie Ostpreußen. In andereTheile Polens, namentlich in das Großhcrzogthum Posen, waren Deutsche in großenMassen eingewandert; die meisten Städte waren von solchen Ansiedlern erfüllt, die,in steten Reibungen mit denen vvm polnischen Stamme, von einem engen Anschlüssean Deutschland Schuh und Wohlfahrt hofften. Westprcußen war, wie Ostpreußen,von, Vorparlament ohne weiteres dem Deutschen Bunde zugetheilt worden; dieDeutschen in Posen hatten nicht die gleiche Gunst erfahren. Die Frage von derZulassung polnischer Abgeordneten zur Nationalversammlung ward offen gelassen; da-gegen ward ausgesprochen, daß die Theilung Polens ein schmachvolles Unrecht ge-wesen? und dem deutschen Volke die Pflicht obliege, zu dessen Wiederherstellung mit-zuwirken.
Um so reger wurden scitdcni die Bemühungen der Deutschen in Posen, denAnschluß an Deutschland zu erringen. Die preußische Regierung ging ihnen bereit-willig a,i die Hand; was Jenen frommte, brachte ihr zugleich Vermehrung des Ein-flusses in Frankfurt. Am '22. April 18IX erklärte auf ihren Wunsch der Bundes-tag einen GebictStheil PoscnS mit etwa 6909t»), am 2. Mai noch einen ander»mit etwa 280000 Einwohnern für vereinigt mit Deutschland. Diese Bezirke hatte»12 Abgeordnete zur Nationalversammlung zu stellen.
Aber die Polen ihrerseits wollten keine Zersplitterung des GroßherzoglhumsPosen zugeben, das ihnen der Stamm war, aus dem ein künftiges Polen neu em-porwachsen sollte. Gleich zu Anfang der Märzbewcgnng waren die seit den dreißigerwahren Verbannten dieses Volks aus dem westlichen Europa in die Heimat zurück-geeilt, um die Befreiung einzuleiten, die in Frankreich und Deutschland die Volks-stlmme ihnen verhieß. Vereine traten in Posen und Krakau auf und schritten bald°stE»er That; blutige Kämpfe folgten gegen die deutschen Bewohner des Landes,dl? Gruppe". Als der Erfolg den Planen nicht entsprach, wandten sich
, s-. Deutschen um Hülfe gegen die Deutschen. Gleich in den
ersten Tagen des Parlaments begehrten acht Abgeordnete polnischer Vereine, darunterselbst einer aus dem schon als deutsches Gebiet anerkannten Westpreußen, von derNationalversammlung, sie solle sich sisi. Polens Wiederherstellung erklären und einst-weilen zu diesem Zwecke Posen und Galizicn selbständig machen; aber sie möge jamchts über die Grenzen zwischen Pole» und Deutschland beschließen. Sobald nurerst Polen selbständig geworden, wolle man diesen Punkt in aller Unschuld dergestaltordnen, daß man die Bewohner der Grenzstrichc Mann für Mann darüber abstim-men lassen werde, zu welchem beider Länder sie gehören wollten.
Also Das sollte feststehen: Polen, bis jetzt erst nur in der Idee bestehend, so>