Band 
Siebenter Band.
Seite
290
JPEG-Download
 

290 Die deutsche Nationalversammlung.

Theil« doch untereinander ein nationales Ganzes bilden sollten, selbst im Grenzve»kehre. Deshalb sind auch die Grenzen und StaatSeinrichtungen der einzelnenTheile durch alle Mächte Europas verbürgt, und es steht einer einzelnen Machtdurchaus nicht zu, dieselben willkürlich zu verändern... Ich berufe mich sehr un-gern auf diese Verträge, und man wird dicS leicht begreiflich finden; aber ich thuees, um zu zeigen, daß selbst das Unrecht der Fürsten, welche Polen getheilt haben,daß dasjenige Unrecht, welches so oft die Erde mit Blut getränkt, daß dasjenigeUnrecht, welches ein so bitteres Verdammungsurthcil aller Völker erfahren mußte,noch lange nicht fo groß ist als dasjenige, welche« man durch eine gewaltsame Ein-verleibung Posens beabsichtigt... Die Fürsten haben nur Das zerstört, was sichdurch physische Gewalt zerstören ließ, den polnischen Staat; aber an die NationHand anzulegen, das wagten sie wenigstens öffentlich nicht. Es hieß: ein preußi-sches, ein östreichisches, ein russisches Polen, aber doch immer ein Polen. Sollte esdenn möglich sein, daß auch jetzt noch das Letzte ausgerottet wird? daß daS freieDeutschland gegen das frciheitathmende Polen, daß die Freiheit gegen sich selbst einensolchen Acrnichtungskampf beginne?"

Nun berührte JanisczewSki auch den hier doppelt schwierigen Punkt, daß essich bei dieser Frage um die Bcschüßung der in Posen ansässigen Deutschen handele.Der Grundsatz, daß jedes Volk seine Söhne aller Orten schützen müsse, sei an sichrichtig. Dabei müsse jedoch bemerkt werden, daß viele Tausende um eines solchenSchutzes willen nie die Einverleibung begehrten, und daß hingegen die Tausende vonBeamten, die morgen von Posen nach dem Rhein versetzt werden könnten, geradeam eifrigsten die Abtrennung verlangten. Außerdem habe es eines Schutzes niebedurft. Man habe die beabsichtigte Neugestaltung Posens auf eine Lostrcnnungvon Preußen gedeutet; aber Niemand habe gewollt, was ebenso wol die Polen wiedie Deutschen den Nüssen in die Hände geliefert hätte. Man habe sie auf einePolonisirung der Deutschen gedeutet; allein wie wäre dies möglich gewesen, da Al-les von einem deutschen Ministerium, von einem deutschen Könige abhing? Sollt«jener Schutz einen Sinn haben, so müßte man darunter den Schutz einer fort-dauernden Beamtenherrschaft verstehen. Die deutsche Nationalität könne nicht beein-trächtigt werden, wenn die polnische zu ihrem Rechte gelange. „Wenn aber d!«deutsche Nationalität, außer dem Schutze des Königs von Preußen, noch eines be-sondern von ganz Deutschland bedarf, hat Deutschland dazu kein anderes Mittelals eine Theilung von Posen? Wie schützen Sie Ihre deutschen Brüder in Frank-reich, England, Rußland und Amerika? Und warum nahmen Sie in diesen Ländernkeine Theilung vor? Warum nicht in den Ostseeprovinzen, wo die deutsche Bevölke-rung viel dichter zusammen wohnt als in Posen? Warum soll dies an den wehr-losen Polen verübt werden? Etwa dafür, daß die aus ihrem Vatcrlande vor Ver-folgungen fliehenden Deutschen dort eine Zufluchtsstätte gefunden haben? Dies«Deutschen haben Jahrhunderte lang unter den Polen verlebt; und worin ist ihr«Nationalität gekränkt, und worin ist sie beeinträchtigt worden? Sind sie nichtDeutsche geblieben bis auf die Zeit, wo diese Länder von Deutschen genommenwurden? Haben Sie je von diesen Deutschen Klagen vernommen über Unterdrückungdurch die Polen? Ist von ihnen ein Hülferuf an Deutschland ergangen gegen G«'waltthätigkeiten der Polen? Wie kommt es nun, daß jetzt, wo ein mächtiger deut-scher König dieses Land beherrscht, dieser Ruf erschallt? Sollte man nicht unwi^kürlich darauf verfallen, daß eS sich hier um etwas Andere- handelt als um d>«deutsche Nationalität?"

Hier iraf der Pole allerdings den faulen Fleck der Sache; denn in der Thal

die Einverleibung Deutschposens damals, und später noch mehr, den vorzüg-lichen Zweck, Preußens Einfluß innerhalb des werdenden deutschen Reichs zu ver-mehren. Aber Jamsczewski schritt mit kluger Erwägung des Augenblicks über einenGegenstand leise hinweg, dessen nähere Beleuchtung nur geeignet war, die Iah«der Gegner zu vergrößern. Dafür griff er die Wahlen selbst an, da in der