388
Das russische Staatslebe«.
Nicht unwahrscheinlich würde auch Rußland diesen Weg eingeschlagen haben,wenn Deutschlands Gewinnung ihm mehr als Mittel gewesen wäre. Allein dieorientalische Frage lag ihm viel unmittelbarer vor. Während es über Mitteleuropamit Frankreich übereingekommen war, standen beide in Konstantinopel bittcrfeindlicheinander gegenüber. Nachdem gegen Ende des vorigen Jahrhunderts durch die Feh-ler der östreichischen Politik die ungeheuren Vortheile Rußlands im Osten der Türkeimöglich geworden waren, wie sie die verschiedenen Friedensschlüsse stipulirten, hattenPetersburger Machinationen im Westen fortwährend die serbischen Wirren unterstützt,in Asien die Erhebung der Wahabitcn begünstigt. Frankreich vertrat dagegen inKonstantinopel ein Reformprincip, von welchem es glaubte, daß es der Pforte ihreinnere Kraft zurückgeben könne; freilich ebenfalls in der Absicht, diese Kraft späterim eigenen Interesse auszubeuten. Dies konnte für England ebenso wenig gleichgül-tig sein als für Rußland. Letzteres zögerte also keinen Augenblick, trotz seiner Al-lianz mit Frankreich, sich England zu nähern, und namentlich Preußen (HannoversNachbar) zu verdächtigen, als beabsichtige dieses mit Frankreichs Hülfe einen ansehn-lichen Machterwcrb in Norddeutschland. Man war ja Preußen auch noch die Strafedafür schuldig, daß es die von Rußland anbefohlene Occupirung Hannovers nichtvollführt hatte. In Wien und bei den Verhandlungen der Reichssriedensdeputationwurde es den russischen Agenten leicht, derselben Behauptung Eingang zu verschaffen.Sie verhießen dem Kaiser von Ostreich sogar Waffenhülfe, falls er Preußen,, Baicrnund andere deutsche Staaten an der angeblich beabsichtigten Machtvergrößcrung hin-dern wolle. Mit solchen Insinuationen waren eine Menge von Zwecken erreichbar.England mochte die russischen Agitationen in der Türkei minder mistrauisch als bis-her verfolgen und durchkreuzen, um seine kontinentalen Besitzungen und Depcndenzendesto genauer zu überwachen. Ostreich, welches den (Gentz) „unglücklichen Gesichts-punkt gefaßt hatte, aus welchem ihm Napolcon's Macht als Universalmittel gegendie Hauptkrankheit der Zeit und als Werkzeug zur Herstellung und Aufrcchthaltungder innerlichen Festigkeit und Sicherheit aller Staaten erschien", wurde in seinemGlauben an Napoleon irre gemacht, stellte sich also voraussichtlich jeder fernern Er-weiterung der Macht Frankreichs entgegen. Preußen endlich, Englands Erkaltungbemerkend, mußte in der precärcn Territorialposition seines Königreichs wiederumgeneigter zu einer Vereinigung seiner Interessen mit den russischen werden und sichvon neuem von Ostreich zurückgestoßen empfinden. Und unterdessen gingen die rufst-. schen Mediationen in Paris über die gemeinschaftliche Beendigung der deutschenReichsangelegenheiten ungestört ihren Weg.
Der furchtbare Reichsdeputationshauptschluß, unter solchen Einflüssen zu Standegekommen, war der erste Schritt zur Verwirklichung jener Plane, so weit sie Deutsch-land betrafen. Die schimpfliche Entfernung der englischen Residenten Drakc ausMünchen, Spencer Smith aus Stuttgart, Brook Taylor aus Darmstadt hingendamit zusammen; selbst Enghien's völkerrechtswidrige Verhaftung auf badischem Bo-den konnte nur unter dieser Voraussetzung erfolgen, und das wiener Eabinel ließ sieschweigend geschehen, befangen von den russischen Einflüsterungen. Aber für Ruß-land wuchsen nun allerdings die Consequenzen seiner Machinationen selbst gefahr-drohend empor, indem sich Südwestdeutschland )dem französischen Principal vollkom-me» anheimgegeben erkannte. Rußland versuchte jetzt hauptsächlich Östreich wiederfür eine Allianz zu gewinnen, in die dann Preußen ebenfalls gezwungen werde"sollte. Allein Östreich zeigte sich lau; die Verhandlungen rückten nicht vor. Napo-leon nahm unterdessen den Kaisertitel an; die französische Gefahr rückte näher;Westdeutschland war bereits die Idee eines NeichsbundeS geboren. Französische Heerestanden in Norddeutschland, entzogen Preußen der russischen Verfügung, gaben de"nationalen Bewegungen in Polen neue Hoffnungen. Da stellte Rußland plötzlichein Ultimatum mit der Foderung, daß Frankreich seine Armeen, wie in dem gra-men Tractat über die gemeinschaftliche Beendigung der deutschen Angelegenheiten st''pulirt sei, aus Nocddeutschland zurückziehe und sich jeder fernern Verletzung der