394 Das russische Staatslebeu.
unmöglicher; und so war man zur Rettung der Monarchie zu den harten Kapitu-lationen des unglücklichen Februartractats von 18l2 (mit Napoleons gezwungen.
Rußland rückte so seinen Zielen immer näher. Sowie der Februartractat ab-geschlossen, erklang Preußens Eroberung als Parole am russischen Hofe, welchendie altrussische Partei beherrschte. Heute gestehen selbst die Lobredner der damaligenrussischen Politik ein: „Friedrich Wilhelm that, was er mußte, doch nur so viel alser mußte, um im entscheidenden Augenblick alle Kräfte nach seinem deutschen Geistund Zweck verwenden zu können." Trohdem wurde damals selbst noch FriedrichWilhelm's Ausruf an sein Volk benutzt, um einen Krieg Rußlands gegen Preußenzu rechtfertigen, obgleich jenem die bekannte Übereinkunft Aork's mit Kutusow, ob-gleich der Waffenaufruf Stein's an die ostpreußischen Stände, beides mit Alexan-ders Vorwissen, vorangegangen war. Anstatt die russischen Truppen von der Weich-sel zurückzuziehen, dehnte man die russische Grenze bis an die ostpreußische Weichselaus, richtete in Memel eine russische Verwaltung ein, erklärte den Ostpreußen offi-cicll, daß sie künftig russische Unterthanen sein würden, und bezeichnete sogar die kö-niglichen Domänen dieser Provinz, womit russische Generale belehnt werden sollten.Stein und Schön retteten damals Preußen. Ersterer, indem er den Kaiser für dieÜberzeugung gewann, daß nur eine deutsche Nationalerhebung Napoleon's abermaligenEinbruch in Rußland zu hindern vermöge; Letzterer, indem er geradezu die Aufbie-tung des preußischen Volks gegen die Russen wie gegen die Franzose» in Aus-sicht stellte.
Es entstand nun jene russisch-preußische Allianz, welche zunächst nichts weiterwar als die Wiederaufnahme des Pitt'schen Plans von 1805. Rußland trat damitscheinbar aus allen seinen bisherigen Principien heraus. Nicht inxr als Brecher derFesseln französischer Herrschaft trat es aus, sondern als Bannerträger der nationalenNevolutionsidee. „Freiheit und Unabhängigkeit" verhieß die Proklamation von Ka-lisch den Völkern und Fürsten; die „Wiedergeburt eines mächtigen Reichs" wardden Deutschen gewährleistet. Bedroht wurde die beharrliche Abtrünnigkeit deutscherFürsten von der deutschen Sache mit „der verdienten Vernichtung durch die Kraftder öffentlichen Meinung und die Macht gerechter Waffen". Die offene Erhebungdes Volks gegen dynastische Sonderintcreffen ward mit den Worten hcrausgefodert:„Noch kann Furcht eure Fürsten beherrschen — mag kein beklagenswerther Gehor-sam euch zurückhalten; ebenso unglücklich als ihr, verabscheuen sie die Gewalt, welche'sie fürchten, und werden sie den großartigen Anstrengungen, welche euer Glück undeure Freiheit verherrlichen werden, ihren Beifall spenden; beharren sie bei ihremtraurigen Systeme der Unterwerfung, so muß die Stimme aller ihrer Unterthanenertönen; mögen sie jene Fürsten, welche ihre Völker in Schmach und Unglück stür-zen, zum Ziele der Rache und des Ruhms schleifen (trsinsr)." Und ausdrücklich,damit selbst dem unbcsieglichen Legalitätsdrange der Deutschen kein Bedenken komme,ward diesem Manifeste schließlich beigefügt: „Der Kaiser aller Ncußcn steht, da erallen fremden Einfluß vernichtet zu sehen wünscht, in keinem andern Verhältniß i"dem wiedergeborenen Deutschland und dessen Verfassung, als in dem: eine schütze»^Hand über ein Werk zu halten, dessen Gestaltung ganz allein den Fürsten »>^Völkern Deutschlands anheimgestellt werden soll."
Der große Nationalkampf der Jahre 1815 und 1814 begann. Die russisch^''Heere fochten ihn ruhmvoll mit. Die Geschichte des Kampfes gehört indessen n>Mzu unserer Darstellung. Wir haben die Frage auszuwerfen: geschah jetzt NnßlaimTheilnahme, im europäischen Interesse? Vermochte es überhaupt, sich derselben i'rntschlagen? Und was war sein Gewinn? -
Die zweite Frage wiegt schwerer als die erste. Schon darum, weil die er>nur eine Primipicufrage ist, während es sich bei der zweiten in letzter Instanz "die unmittelbarste Existenz Rußlands handelt. Daß ein modernst Großstaat chvollends ein 'glücklicher Emporkömmling, wie Rußland, für irgend ein allgcmel"Princip die Waffen bis zur Erschöpfung führe, wenn ihn nicht die innere Ro v