Band 
Siebenter Band.
Seite
398
JPEG-Download
 

398

Das russische Staatslebe».

net im Namen des Legitimitätsprincips vom Beharren auf dieser Fodcrung abbrin-gen, so kam dadurch Ludwig XVIII. mindestens in eine Abhängigkeit von Rußland.Daß die Flucht des Königs vor Napoleon nicht den wirklichen Grund für eine»Antrag von solcher Tragweite abgeben konnte, braucht nicht erwähnt zu werden.Um die nationalen Verpflichtungen zu eludiren, war der Kampf gegen Napoleon z»einem Rettungskampse des vom Revolutionskaiser und seinen Verwandten schreiendverletzten Legitimitätsprincips gestempelt worden. Jetzt aber sollte dasselbe Principvom Führer der legitinüstischen Allianz gcstür^ werden, um eine Thronflucht zu be-strafen, wie sie in den vorhergehenden Jahren nicht selten gewesen war. DerGrund dafür lag vielmehr in der Neigung des restaurirten Bourbon zu einer wcst'europäischen Allianz gegen Rußland, deren Präliminarien bereits »ach dem erste»Pariser Frieden zwischen England, Frankreich und Ostreich verhandelt worden waren.Der Möglichkeit dieser Allianz durch eine Dynastie zu begegnen, deren historisch»Erinnerungen durchaus revolutionären Charakters waren, welche sonach Voraussicht'lich von den Höfen Europas fortwährend wie ein Eindringling betrachtet worden,und sonach genöthigt sein würde, sich an Rußland zu halten, dem sie den Thron-besitz dankte — dahin ging der russische Plan. Es war darum auch ganz solgcrich'tig, daß Rußland bei den Entschädigungsverhandlungen Preußens Verschiebung a»den Rhein so peremtorisch federte. Denn dieses blieb dann wieder, trotz seiner Tcr-ritorialerweiterung, in einer militärisch durchaus unhaltbaren Stellung. Und natür-lich konnte Rußlands (von Östreich lebhaft unterstütztes) Interesse auch durch dasScheitern des Plans, die, Familie Örleans auf den Thron Frankreichs zu heben, i"dieser Beziehung keine Änderung erleiden. Die Verhinderung einer concentrirte»Stellung Preußens im deutschen Nordosten blieb vielmehr fortwährend leitender Ge-danke. Saß nun auch ein Bourbon auf dem Throne, so war er Rußland doch ver-pflichtet. Talleyrand hatte bereits zurücktreten müssen, als er Bedenken gegen dieUnterzeichnung des Friedens erhob; Alexander ließ jetzt dem schwachen Könige n»ldie Wahl zwischen Pozzo di Borgs und dem Herzoge von Richelieu. Beide wäre»erprobte Diener der russischen Diplomatie. Ludwig XVIII. entschied sich für Nich»'lieu; der bisherige Commissar beim Provisorischen Gouvernement, Pozzo di Borg»,beaufsichtigte fortan als russischer Gesandter das französische Cabinet aus unmittel-barster Nähe.

Damit war gewissermaßen Rußlands Principat über den gesammten Conkinc'"entschieden. „Daß von deutscher Seite so wenig dagegen geschah, hatte seinen Gru'stdarin, weil Östreich wegen seiner italienischen Bestrebungen sich gehindert sah, Pre"'ßen aber, von allen Seiten in der geographischen und politischen Sicherung sei»»'selbst bedrängt, in der That nicht über seine speciellsten Interessen Hinausblicks"konnte. Denn von der territorialen Spaltung seines Gebiets abgesehen — wos'"bestand seine Machterweiterung? Es gewann die durch und durch sranzösirte Nh»'"'Provinz gegenüber Frankreichs „gewaffnetcr Angriffslinie, der dreifachen Festu»ß.'reihe im Elsaß und Lothringen"; man überließ ihm das nicht eben willig in st"Schicksal sich fügende Sachsen, man überließ ihm das gefährliche Herzogthnm Pest'"Gneisenau hatte schon damals vollkommen Recht, als er (20. Juli 1815) an A>" ,schrieb: „Alles läßt sich dazu an, einen neuen Frieden von Utrecht zu schlichPreußen hält noch Alles auf und wir glauben viel gewonnen zu haben, wenn st''nicht Terrain verlieren. Aber Rußland will nicht, daß wir aus seiner Abhangskeit kommen." Zugleich schwächte das Verhältniß zu den nächsten Nachbarnßens Einfluß nach außen. Denn wer waren sie? Baiern, dessen Großmacht'»noch immer so lebhaft, daß es verspätet dem Deutschen Bunde bcitrat; Wür»»berg, dessen König in seinen aufgefangenen Briefen noch im Februar „glückliche N" ,kehr unter Napolcon's siegreiche Fahnen hoffte und wünschte"; Baden, welchesBreisgau erwarb; Sachsen, welches die Theilung natürlich nicht verschmerzte; H.-,nover, der continentale Nebenstaat Englands; Oldenburg, das Besitzthum der rm ^scheu Secundogenitur; Dänemark, Rußlands williger Vasall; Rußland selbst *