Das russische Staatslelien. 407
an den constitutionellen Höfen, welche Östreichs und Preußens Bedenken gegen eineAufnahme Rußlands in den Bund so lebhaft unterstützt hatten, wurde das berüch-tigte Memorandum von 1834 in Umlauf gesetzt. Dasselbe beschuldigte (ganzen derWeise der „Europäischen Pentarchie" und des „Centralcn Föderativsystems") Ostreichund Preußen der Absicht vergewaltigender Willkür und des Strebens nach thatsäch-licher Mediatisirung der kleinen Staaten, deren Heil und Schutz nur in Rußlandgefunden werden könne. Als indessen auch dieser Versuch nicht die gewünschte Wir-^>ng äußerte, mußte eine Reihe von Broschüren und Büchern den deutschrussischcnSympathien ein wohlformulirtcs Glaubensbckenntniß in den Mund legen, vor allemdie aristokratischen Interessen zu gewinnen suchen. Erst darauf folgten jene aus-führlicher» Werke (deren bedeutendste wir soeben nannten), um die Versicherungzu geben: Rußland wolle den Weltfrieden, das Recht für die unabhängigen Staa-ten und Individuen, die Paralysirung aller Gewaltthätigkeit; es werde an derSpitze der europäischen Pentarchie ein unentbehrlicher Schutz der freien Verfas-sungen und des nationalen Lebens i» den minder mächtigen Staaten werden.Ein abermaliger europäischer Congrcß solle die streitigen Competenzsragen der Mit-telstaaten ausgleichen; aber freilich erst, nachdem die Pentarchie durch eine Revisiondes Völkerrechts dessen normale Regulirung festgestellt haben würde. Währendaber derlei Schürungen die Interessen in Deutschland gcgcncinandertriebcn, erfülltedie Verhcirathung des Herzogs von Leuchtcnbcrg mit einer Großfürstin die niemalscrstorbenen Hoffnungen der Bonapartisten mit neuer Zuversicht. Die (von Rußlanddirect influirte) Presse dieser Partei mußte eine französisch-russische Allianz befürwor-ten. Ja, spätere Untersuchungen haben erwiesen, wie selbst in daS halbofficiclleBlatt des Bundestags, in das „sournai <io kranokort" sich ähnliche Einflüsse Eingang zu verschaffe» gewußt hatten.
Diese Bestrebungen im Westen Mitteleuropas standen nicht isolirt; sie warenvielmehr von andern bei den Slawen begleitet und gefolgt. Auch war schon frühereifrig dafür gesorgt worden, die Sympathien der Südslawen für den Krieg gegendie Pforte zur Begeisterung zu steigern.,, Dies schien nämlich insofern von Nutzen,als sich dadurch dje Sympathien von Östreich wegwendeten, welches diesen Kampfdes rechten (griechisch-russischen) Glaubens gegen den Halbmond mit unvcrhehlbaremMismuth beobachtete, ja sogar nach dem Frieden von Adrianopel Truppcnconcentra-Uonen an seiner Ostgrenze nöthig erachtet hatte. Die kosmopolitische SchwärmereiDeutschlands für Polen, die wohlberechnete Englands, die theilweise wahre Frank-reichs mußte natürlich in Westeuropa glauben lassen, nach der blutigen BesiegungPolens werde unter den Slawen jede Sympathie für Rußland ersterben sein. Abereben diese Annahme zeugte recht eigentlich von der europäischen Unkenntniß derslawischen Bewegung. Die slawische Bewegung zeigte sich niemals den Polen be-sonders gewogen; sie hob deren Nationalsache eben nur so lange auf das Schild,als Polen noch die Möglichkeit einer Zukunft, einer Macht hatte. Diese Möglich-keit schien nun in Russisch-Polen für immer verschwunden. Darum konnten späterwol Östreichisch, und Preußisch-Polen noch als Vorposten der Slawenbewegung benutztRussisch-Polen gab man aus. Ja, des letzter» Unglück vermochte selbstMittc ^ die günstige Stimmung für Rußland abzukühlen. Schon in der
liae Jahre durften die Stimmführer des PanslawismuS (ihre dama-
den noln,scben"A'k» ^ Rußland ist seitdem eine unbestrittene Thatsache geworden)Ilnd ^ ^ einen Aufruhr gegen die panslawische Idee verdammen.
Und gegen Ende der dreißiger Jahre sprachen sie es vollends aus: das Sarmaten-hum könne keinen Anspruch auf selbständige Behandlung seiner Angelegenheit ma>sysu, solange das Slawenthum »och keine gebührende Stellung gegen den Austria-und Mohammedanismus erlangt habe. Dazu zu helfen sei°ver,te Psi^ aller Slawen, sonach die polnische Emigration und eine polnische.^°pU"nda antislawisch. Jetzt war auch der Moment gekommen, wo Rußland beiven Westslawen durch seine unmittelbaren Sendlinge und mittelbaren Anhänger im