Die Pflanzen nnd Thiere der Vorwelt. 601
außer Zweifel gesetzt. In Brasilien entdeckte Lund Arten noch jetzt daselbst heimi-scher Gattungen, wie des Cebus, Callithrix und Uistiti, und außerdem eine vier Fußgroße orang-outangahnliche, die er Protopithecus nennt. Die Reste in den tertiärenSchichten am Himalaya stimmen mit den heutigen siidasiatischcn Schlankaffen oderSemnopithesen überein. Merkwürdiger als diese Vorkommnisse sind aber die in di-luvialen Schichten Griechenlands, in mitteltertiären Frankreichs und in eocenenEnglands, also in Europa, wo jetzt außer den nach Gibraltar übergeführten keineAffen ursprünglich heimisch leben, und unter Breitcgraden, unter welchen sie gegenwär-tig nirgends aus der Erdoberfläche zu Hause sind. Und alle diese europäischen Kiefer-fragmente deuten auf Arten den lebenden der Alten Welt entsprechend, aus asiatischeMakaken und Pithcken, also auf thierische Gestalten, die wir für die vollendetsten,die dem Menschen am ähnlichsten halten. Sie waren die Krone der verweltlichenSchöpfung; denn der Mensch war nicht Zeuge jener Alles vernichtenden, gewaltsamdie ganze Erdoberfläche überströmenden Diluvialflutcn, nach deren Verlaus die Conti-nente und Inseln in ihrem jetzigen Umfange trocken gelegt, und eine neue Pflanzen-und Thierwelt, die uns noch heute umgibt, der Botmäßigkeit des zum ersten malegeschaffenen Menschen untergeordnet wurde. Zwar ist noch bis auf die neueste Zeitvon Entdeckungen fossiler Menschengebeine berichtet worden; aber stets ergaben sichdieselben als postdiluvianische Ablagerungen.
Zu welchen Resultaten führt uns nun die Vergleichung der übersichtlich geschil-derten fossilen Säugethiere mit der lebenden Säugethicrsauna? Tropische Gattungenverbreiteten sich durch die gemäßigte Zone bis in die Polarregionen, und andere,jetzt über den ganzen Erdboden zerstreute, waren einst in unserm kleinsten Welttheilevereinigt. Die Gesetze der geographischen Verbreitung, welchen die lebenden Säuge-thierc unterworfen sind, galten also in frühern Schöpsungsperioden noch nicht. Aberkeineswegs dürfen wir eine unterschiedslose Verbreitung der urweltlichen Gattungenund Arten annehmen; denn dagegen sprechen die diluvialen Beutelthicre Neuhollandsund Brasiliens, welche andern Welttheilen fehlen, die Affen und Megatherien Ame-rikas, das Sivatherium und die Flußpferds Indiens, die Bären und großen KatzenEuropas. Die Hyänen, Elefanten, Rhinoceroten und andere heutige Tropenbewoh-ner hatten während der Diluvialflut nur ein umfangreicheres Vaterland als gegen-wärtig, aber dennoch ein beschränktes, und es sind auch nur die Arten noch lebenderGattungen, welche die Grenzen ihres Vcrbreitungsbczirks einst so auffallend erweiter-ten; die der Diluvialepoche eigenthümlichen Gattungen beschränkten ihre Heimat weitmehr und bestimmen daher den Charakter der Localfauna sehr scharf. Das Ver-hältniß der untergegangenen Gattungen und der in der Urwelt schon auftretendenund noch jetzt lebenden ist ziemlich gleich: nur vertheilen sich die erster« untek dieeinzelnen Ordnungen und je nach den Epochen, in welchen ihre Existenz fällt, sehrverschieden. Überhaupt gehört die größere Anzahl eigenthümlicher Gattungen dentertiären Gebilden und den Ordnungen der Vielhufer, Edentaten und Naubthicrcan. Die Vielhufer verhalten sich zu den übrigen Säugethieren ganz wie die Classeder Amphibien zu den Wirbelthieren im Allgemeinen, und fast ohne Ausnahme er-scheinen in den frühern Schöpsungsperioden die Durchgangsgruppen, welche dieCharaktere zweier scharf geschiedene Typen i» sich vereinigen, mögen sie Classen,Ordnungen, Familien oder nur Gattungen sein, an eigenthümliche», selbst überra-schenden Gestalten am reichsten. Die noch immer weit verbreitete Ansicht, daß alleThiere der Urwelt im Verhältniß zu den lebenden von riesenmäßigcr Größe gewesenseien, ist besonders von der Betrachtung der fossilen Säugethierknochen ausgegangen;aber weder diese noch andere Thicrclaffrn bestätigen eine solche Annahme. Wennwir auch jetzt keine Niesensaulthierc und Gürtelthiere und keine Mastodontcn mehrhaben: unsere Elefanten, Giraffen und die Ungeheuer des Meeres, die Pottfische,Finn- und Walfische stehen dem Zeuglodon, der Niesenschildkröte, dem Sivatheriumund andern bewunderten Geschöpfen der Urwelt^nicht nach. Ja, wahrend wir jetztnur einen einzigen kleinen Vielhufer in dem afrikanische» Klippdachs haben, existirten