646 Das Osmanische Reich. ^
hamel überflüssig und sogar schädlich sei, hatten ebenso wenig einen Erfolg, als dieFuad-Efendi's bei dem russischen Commissar selbst. Im Gegentheil erlaubte sichdieser bald auch eigenmächtige Eingriffe in die innere Verwaltung, namentlich derPolizei, mit welcher er selbst die nächste Umgebung'der hohen türkische» Militärbeam-tcn nicht verschonte. Offenbar wollte Rußland zeigen, daß, wo man es nicht liebe,es wenigstens gefürchtet werde» müsse; zugleich aber beabsichtigte es mit seinen Trup-pen auch von dieser Seite der ungarischen Grenze nahe zu kommen, um die un-garische Revolution auf das energischste angreifen zu können.
Während die Pforte demnach im Laufe des Jahres 1848 gegen Rußland un-streitig an Terrain verlor, eröffneten sich ihr im Süden der Reichs Aussichten,die unter Mahmud's Regierung der Einheit der Monarchie geschlagenen Wundenwieder auszuheilen. Im Februar 1848 erkrankte Mehemcd Ali von Ägypten, undwenn er auch durch die Kunst seiner europäischen Ärzte wiederhergestellt wurde, sooffenbarte sich bei ihm doch bald eine Geistesschwäche, welche in Folge einer See-reise, die ihm zur Zerstreuung angerathen worden war, so sehr zunahm, daß Ibra-him-Pascha an seiner Statt die Leitung der Geschäfte übernehmen mußte. ImSeptember kam Derselbe selbst »ach Konstantinopel, um seine Investitur als Statt-halter Ägyptens zu erlangen, waS ihm auch gewährt wurde; doch überlebte er seineWürde nur um wenige Monate, indem er schon im November vor seinem Adoptiv-vater Mehcmed Ali, dessen Tod erst im August 1849 erfolgte, starb. Als Nachfol-ger war nun Mehemcd Ali's Enkel, Abbas-Pascha, berufen, mit welchem die Pforteein leichteres Spiel hatte, indem er allgemein für einen fanatischen Mohammedanergalt.und namentlich dem Einflüsse der Europäer und sonstigen christlichen Beamte»in Ägypten im höchsten Grade abgeneigt war. Der Divan machte keine Schwierig- !keiten, auch ihm die Investitur zu verleihen; doch wurden daran Bedingungen ge- iknüpft, welche allmälig der Autonomie des Vicekönig- jeden reale» Werth nehme»müssen.
Unter diesen Umständen und bei den ungeahnten Sympathien, welche sich i»den Donaufürstenthümern für die Türkei ausgesprochen hatten, war das Vorgehe»Rußlands den Pforteministern doppelt schmerzlich. Sie scheinen nicht bedacht -»haben, daß jene Sympathien lediglich ihrer Ohnmacht galten, von welcher die extre-men Parteien unter keinen Umständen etwas zu besorgen hatten. Da außerdei» ^die Türkei zu den wenigen Staaten gehörte, an welchen die Stürme des Jähret1848 unvermerkt vorübergegangen waren, und die Eitelkeit der türkischen Staats' Imänncr dieses glückliche Ergebniß als eine Folge ihrer geschickten und freisinnige» !Verwaltung betrachtete, so glaubten sie sich im Gegentheil, namentlich in ihre" 'Politik Ostreich und Rußland, als den absolutistischen Höfen, gegenüber zu eine»'bedeutenden Fortschritt berechtigt. Polnische Emigrirte, welche sich schon seit Jahre»in Konstantinopel festgesetzt und von da aus ihre Intriguen gegen Rußland gesp»»'nen hatte», wußten sie in diesen Gedanken zu bestärken; der sardinische Gesandtein ausgemachter Giobcrtist, spielte bei dem Großvezicr eine bedeutende Rolle, und dt"ungarischen Revolution wurde die lebendigste Theilnahme geschenkt. Das Ungl»^welches die östreichischen Waffen in den ersten Monaten des Jahres 1849 verfolgtmachte die Hoffnungen aus Machterweiterung besonder« rege. Man suchte zu verh'»'dcrn, daß die Russen von der Walachei auS den Siebenbürgen zu Hülfe zogt»'nachdem das Puchner'sche Corps über die Grenze aus türkischem Gebiet Zuflucht S»suchen genöthigt worden war. Als aber Bem auch dem russischen General Ladt»bei Hermannstadt eine Schlappe beibrachte, ließ sich die allgemeine Freude kaumden Gesandten der verbündeten Höfe verbergen. Rußland mochte unter diese» ^standen fühlen, wieviel es durch Aufgeben des Vertrags von Hunkiar Skelessi,..^, ,ihm eine von den übrigen Großmächten verschiedene Stellung der Pforte gegt^zusicherte, verloren habe; es bemühte sich demnach einen neuen Vertrag du^chi. >sehen, wozu die veränderte Lage der Donaufürstenthümcr und die zu ihrer Berlwgung zu treffenden Maßregeln den Vorwand gaben. Dem widersetzten sich