694 Baiern unter den Übergangsministerien von 1847—49.
gefühl aus das bitterste verletzt sei, weil Baiern sich von einer Fremden, deren Ruf inder öffentlichen Meinung gebrandmarkt, regiert glaube, und so manchen Thatsachengegenüber nichts diesen Glauben zu entwurzeln vermöge". Aber dieselben Männer,welche jetzt meinten: „Es ist nicht blos der Ruhm und das Glück Ew. königlichenMajestät, es ist die Sache des Königthums, welche auf dem Spiele sieht", welchejetzt zusammenschraken vor dem „Frohlocken Jener, die auf den Umsturz der Thronehinarbeiten und dir den Vorsatz haben, das Königthum in der öffentlichen Meinungzu vertilgen": dieselben Männer, welche sich plötzlich außer Stand erklärten, „ausdie Länge zu verhüten und zu verheimlichen, daß die Rückwirkung Dessen, was vor-geht, nicht mehr und mehr auch auf die bewaffnete Macht übergehe", welche ängst-lich klagten, „wo soll noch Hülfe sein, wenn auch dieses ungeheure Übel einträte,wenn auch dieses Bollwerk wankte" — dieselben Männer hatten sich früher nichtbemüßigt gefunden, für die. Würde des Königthums einzutreten, als es galt, demehrfurchtverletzenden, übermüthigen, höhnischen Zelotismus ihrer Partei zu begegnen.Sie hatten bei dem Erübrigungsstreite sich gleichfalls nicht gescheut, den persönlichenWunsch des Monarchen in die Wagschale zu werfen, um eine glimpfliche Behand-lung dieser Angelegenheit von der Volksvertretung zu erbetteln; sie hatten nie undnirgends von einer Verletzung des königlichen Ansehens und einer Aufregung desVolks durch schmachvolle Bedrückung des Protestantismus, durch Verachtung derverfassungsmäßigen Rechte des Landes, durch Unterdrückung der geistigen Entwicke-lung der Bevölkerung gewußt; sie hatten weder in den frühern Privatneigungennoch in den politischen Ansichten des Staatsoberhaupts jemals ein Moment gefun-den, „wo Männern, die das unschätzbare Vertrauen ihres Monarchen zur oberstenLeitung der Staatsverwaltung berufen hat, nur noch die betrübende Wahl offensteht, entweder der Erfüllung der heiligsten durch den Eid, durch Treue, Anhänglichkeit und Dankbarkeit besiegelten Pflichten zu entsagen, oder in gewissenhafter Er-füllung dieser Pflichten die schmerzliche Gefahr deS Misfallens ihres Monarchen nichtzu beachten". Moralische Motive waren es also wol schwerlich, welche jetzt dasMinisterium Abel veranlaßten, dem Könige die Alternative zwischen der Zurückziehungdes erwähnten Beschlusses und der Abdankung seiner Minister zu stellen. Vielmehrwär es ein letzter verzweifelter Versuch, den Inhaber der Krone und des Sceptersin die alten Bande der Abhängigkeit von den Instrumenten der hicrarchisch-radicalcnPartei zurückzunöthigen. Nur dann hätte darüber ein Zweifel entstehen können,wenn jenes Document irgend eine Andeutung darauf enthalten, wie das Ministeriumerkenne, daß seine bisherigen Principien eine Misstimmung wachgerufen und genährthätten, welche durch jene Vorgänge mit der Tänzerin cumulirt und zu bedenklichenFolgen geführt werden könne. Wäre es auch eine Sclbstanklage gewesen, so hättesie in diesem Falle doch als offenes, ehrenhaftes Wort eines Kronraths gelten mö-gen, welcher vielleicht erst durch die gegenwärtigen Aufregungen über eigene Irr-thümer aufgeklärt worden sein konnte. Aber davon fand sich nicht die leiseste Spurin jenem Memorandum. Vielmehr häufte das ganze Document die angebliche re-volutionäre Gährung einzig und ausschließlich auf daS Haupt deS Königs.
Diese Ansicht steht jetzt bei allen Unbefangenen fest. Zu der Zeit, als jenerunerhörte Schritt des Ministeriums Abel erfolgte, mochte indessen selbst in seinen Geg-nern die Frage entstehen: ob nicht doch ein plötzliche« moralisches Erwachen eine solcheHandlung entschuldigen könne, obgleich dieselbe allen politischen Principien der Mi-nister, allen ihren staatsmännischen Präcedentien in das Gesicht schlug. Plötzlicherwachende Gefühle sind immer stärker als alle Konsequenzen des Verstandes und derGrundsätze, und sämmtliche Kronräthe waren allerdings, im Gegensatze zu de"munchenerHof. und Gesellschastssittcn, von jeher als bürgerlich solide Männer be-kannt. -tLir selbst können uns das Urtheil ersparen; aber eine parlamentarischeScene, welche auf dem Landtage von 1847 spielte, gibt Auskunft und Antwort-Dieselbe fand bei Gelegenheit der Berathungen über Erleichterung der Preßzustände»" der Neichsrathskammer statt. Graf Arco-Valley warf sich bei dieser Gelegenheit