696 Barern unter den Übergangsministerien von 1847—4S.
Wir haben schon bei frühern Gelegenheiten den Versuch der ultramontancnPartei hervorgehoben, Baierns öffentliche Stimmung von außen her für den einenoder andern ihrer Zwecke zu gewinnen. Auch jetzt war bereits seit dem Anfangedes Jahres 1847 in der Presse solch wühlerischer Weg eingeschlagen worden. Diesebekannten Wege wurden in derselben Weise bei Veröffentlichung des Memorandumsbenutzt. DaS Document war vom 11. Fcbr. 1847 datirt; erst am 13. entließ derKönig das Ministerium. Dagegen wurde der Inhalt des Memorandums in franzö-sische» und norddeutschen Blättern so rasch mitgetheilt, daß die betreffenden Corre-spondenzeu München schon am 12. Febr. verlassen haben'mußten; und bereit- am20. Febr. waren handschriftliche wie lithographiere Abschriften des ganzen DvcumentSin Tausenden von Exemplare» gleichzeitig durch ganz Westeuropa, zuletzt auch durch'Baicrn vertheilt. *)
Über den unmittelbaren ersten Eindruck des Sturzes des Ministeriums Abelund jenes Documents zu berichten, ist heute, nachdem wir an ähnliche Erschütterun-gen gewöhnt sind, in der That sehr schwer. Jedenfalls war er ganz anderer Na-tur, als ihn die Abfasser des Memorandums gehofft hatten, nachdem ihre Parteischon bisher so eifrig, bemüht gewesen, die Münchener Vorgänge zu einer europäischenFrage zu machen. Denn war die- bisher durch Befriedigung der Lust am Skan-
*) Über die Manipulation bei der Verbreitung dcS Memorandums erhielt man später durchHerrn von Maurer bei dessen literarischen Polemik gegen Herrn von Abel interessante Aufklärun-gen in diplomatischen Documcntcn. Herr von Hormayr, bairischer Ministcrresident in Bremen,meldet in einem Berichte vom 2. März 18-17 Folgendes: „Seit meinen jungen Zähren inWien mit den polizeilichen, mit den Chiffrccabincts- und den TariS'schen Post-Verhältnissenvertraut, weiß ich, daß der Haupthcrd solcher Dinge, der vielseitige Znflucnzpunkt Eisenach ist,wo eS auf sechs bis acht Stunden Operation der Logistcn (?) gar nicht ankommt. Das Me-morandum muß mit sachkundigem Scharfsinn sogar früher — wahrscheinlich in Augsburg —unter den gewohnten Adressen in den Postschalter gegeben, und wenigstens zuerst an die fernern,dann immer rückwärts an die nähern Orte aufgegeben worden sein, damit irgendwelche In-hibition zu spät kommen müsse und auch der Weg in die englischen und französischen Zeitun-gen nicht mehr abzuschneiden sei, was denn nach den bestehenden Postcommunicationen über-dies eine Unmöglichkeit ist_ Bis diesen Augenblick hat nur die Redaction der «Weser-
Zeitung», nicht aber die der «Bremer Zeitung», das Memorandum direkt in Abschrift erhalten.
Ich hielt es im ersten Augenblicke für etwa« Gemachte«, für eine Jmpostur, wie wir solcheschon öfters erlebt haben, zumal als die zwei einzelnen Blätter, die ich in der Hand hielt,alle Spuren der äußersten Flüchtigkeit und Schnelligkeit an sich trugen, und der Aussatz inclietsnclo geschrieben zu sein scheint, vielleicht gar aus dem originären Concept, weil nicht nurÜberhören«- und Schreibfehler ourronts cslsmo, sondern ganze Sähe corrigirt, flüchtig durch-gestrichen und durch andere ersetzt sind." Ein andere« Schreiben Hormayr's vom 5. März1847 ist nicht minder interessant, einestheil«, weil es überhaupt die Ultramontanen cha-rakterisirt, andernthcil«, weil eS beweist, zu welchen Spionsdicnsten sich die damalige Di-plomatie verpflichtet erachtete. „Ich habe das Zeitungswcsen", schreibt der Ministerrcsident,„zum anhaltenden Gegenstände früherer und späterer Berichte gemacht. Man darf freilichkeine Parallele davon, wa« in unserm Süden das Licht erblicken darf oder meiden muß, dar-auf ziehen, was im Norden verhindern zu wollen eitel und vergeblich sein würde, wo dieöffentliche Meinung schon bedeutendere Fortschritte gemacht hat. Aber selbst im Norden hatdie Frechheit Erstaunen erregt, womit die Ministererklärung in zahllosen Abschriften nichtnur, sondern auch lithographirt und chalkographirt aus München und Augsburg nach den'Norden geschleudert worden ist, und mit vielem Vorbedacht sehr frequent auf die katholische»Centralpunkte Köln, Munster, Osnabrück, Bingen, Hildekheim, Düsseldorf, um dort ein glei-che« cruc-illßs zu veranlassen, wie es au« der katholischen Schweiz erschallt. Es wird sichauch alsbald zeigen, ob die »Düsseldorfer» und «Trierer Zeitung», ob der »Westfälische Mer-kur» jenen Donnerlaut vom 28. Febr. aufnehmen oder von der Hand weisen, oder mit Däm-vtkrn au« dem Vorrakhe von St.-Ignatiu« Tartuffius begleiten, was allerdings zu erwarte»sst- die Opposition der jüngsten und wol auch früherer Ständeversammlungen wäre»
sie willfährig ,u gebrauchen. Zch habe, wie früher nach den hiesigen Correspondentcn, so auchnach den Eremplarcn selbst, möglichst unter der Hand, aber wachsam geforscht, und bisherfünf Exemplar^ der Ministererklärung finden können, zwei lithographirt« und drei geschriebene-Namentlich muffen die Studenten viel zur Verbreitung commandirt worden sein: denn vo» jden fünf bremcr Eremplaren rührt nur ein einziges von einem Handelshaus, die andern alleVon ehemaligen Mitschülern und Schulbekannten her."