Baiern unter den Übergangsministerien von 1847—4S. 699
der Tendenzmaßregelungen keineswegs ihr Ende finden sollte, bewies noch vor dervollständigen Neubildung des Ministeriums eine Handlung deS interimistischen Ge?
^ sammtministers Maurer, welche nur eben darum die erstandenen Hoffnungen aufbessere Principien nicht sofort wieder erstickte, weil sie einen Hauptträger des Ultra-montanismus, Herrn von Lassaulx, vom Lehrstuhl entfernte.
Herr von Lassaulx, Professor der Ästhetik und Philologie an der MünchenerUniversität, Görres' Neffe und Abel's persönlicher Freund, ist seit jener Zeit in derdeutschen Nationalversammlung wie in der bairischen Abgeordnetenkammer persönlich,außerdem mit Schriften und Broschüren so häufig vor das Publicum getreten, daßwir uns seiner nähern Charakteristik wol enthalten können. Wer ihn nur ein ein-ziges mal gesehen und gehört hat, kann darüber nicht zweifelhaft sein, daß er einleidenschaftlicher Anhänger des kirchlichen RadicaliSmuS ist. Namentlich repräsentirter insofern den äußersten Standpunkt jener Partei vollständig, als ihm offenbarjeder Bestand und jede Gestaltung der Staatsformcn vollkommen untergeordnet er-s scheint, wenn sie nur irgend eine Basis für den Machtgewinn des hierarchischen
! Absolutismus bietet. Theoretisch betrachtet, ist er also ein noch ärgerer Radicalist
als die communistischen Revolutionäre. Diese haben immer noch die Idee eines po-litischen Staats im Hintergründe, während die praktischen Consequcnzen Lassaulx'-scher Theorien den politischen Staat gänzlich verflüchtigen würden. Diese politischenKonsequenzen verfolgt er aber natürlich praktisch nur insofern, als ihm unter dengegebenen Verhältnissen die möglichste Abwesenheit eines Staatslebens, das ist dieabsolute Monarchie, als höchstes Ideal vorschwebt. In diesem Sinne mußte Herrvon Lassaulx ein Anhänger des Abel'schen Princips sein, noch mehr ein persönlicherFreund Abel's, da Dieser unter konstitutionell gegebenen Verhältnissen, die Vcrfas-sungsurkunde fortwährend in der Hand, von jenem Ideale das Erreichbare im Sinnedes hierarchischen Radicalismus zu verwirklichen bestrebt war. Unähnlich den meistenseiner politischen Genossen hatte jedoch Herr von Lassaulx nie und nirgends die ge-heimen, wühlerischen Wege gutgeheißen, welche von Jenen bei jeder Gelegenheit ein-geschlagen zu werden pflegten. Unähnlich seinen Genossen, die sich nach Abel'sRücktritt furchtsam zurückhielten und nur aus Hinterhalten hervor arbeiteten, hatteHerr von Lassaulx als Mitglied deS akademischen Senats den Äntrag auf AbsenkungDeputation gestellt, welche Herrn von Abel „wegen der sittlichen Motive seinerAbdankung" die Anerkennung der Universität auSsprechen sollte. Da nun der größteTheil des akademischen Senats nicht nur seine Stellung dem Herr» von Abel, son-dern auch der (wenigstens scheinbaren) Beistimmung zu dessen Princip verdankte,und man im Sinne dieses Ministeriums fortwährend beschlossen und gehandelt hatte,so zeigt« sich die Verwerfung des Antrags unter den herrschenden Zeitumständen al-
hervor, daß Herr von Maurer „es als Ehrenpflicht erachtet" habe, vom König Ludwig dasdargebotene Portefeuille bedingungslos anzunehmen, um diesen im Augenblicke deS Zurücktritteve« Ministeriums Abel und der feindlichen Veröffentlichung jener Zmmediateingabe nicht ganz"«nsamt stehen zu lassen. Er schwieg darüber, warum er diese Annahme nicht mindestensan die Bedingung knüpfte, daß das berufene Zndigenatsdecret nicht erlassen werde. Dagegenerörterte er abermals, daß juristisch die Jndigcnatsverleihung der Gräfin Lola nicht vorzuent-yaitcn gewesen sei, da verfassungsmäßig dem Könige ihre Bctitclung als Gräfin Landsfeldoyne mmisterielle Gegenzeichnung freigestanden habe und erfolgt sei, aber geltungsloS gewesenlein wurde, wenn nicht die AndigenatSverleihung damit verbunden worden wäre, wozu dieContrasignatur nicht entbehrt werden konnte. Übrigens mochte Herr von Maurer selbst fühlen,w>e er sich mit dieser Beweisführung nur juristisch gedeckt habe. Denn nachdem diese Ange-legenheit auf wenigen Seiten seiner, in dieser Angelegenheit veröffentlichten Broschüre abge-than ist, beschäftigt sich die übrige, ziemlich weitläufige Schrift mit Anhäufungen von Ankla-Zf" Segen Herrn von Abel's Regiment. Darauf antwortete später eine VertheidigungSschrist-ltvei« (t»e man aber blos in „engern Kreisen" vertheilte), deren Inhalt abermals Anklagensaurer waren, welcher denn sofort eine zweite Schrift vorbereitete, worin erAbel >che Intimitäten schonungslos enthüllte. Natürlich wurde in diesem Gezänk und Geklätschdie eigentliche Frage, um die es sich handelte, vollkommen in den Hintergrund gedrängt, undnur alle mögliche sonstige schmutzige Wasch- zur Erbauung des Publicumö öffentlich ausgestellt.