Baiern unter den Übergangsministeriei» von 1847—49. 701
Formen gesucht hatte. Herr von Acnetti, nacheinander Negierungsath in Speierund Augsburg, Negierungsdirector in Passau, Ministerialrath in München, Regie-rungspräsident in Landshut, also fortwährend unter dem Ministerium Adel in höher»Verwaltungsstellen thätig und befördert, ward mit dem Portefeuille des Innernbetraut. Daß er ein geschickter Beamter, bewiesen seine Präcedentien; doch ließsich daraus schließen, daß ihn strengconstitutionellc Grundsätze wol kaum geleitet ha-ben konnten. Generalmajor von Hohenhausen, vorher Jnfantcricbrigadier der drittenDivision, überkam das Portefeuille des Kriegsministeriums. Über seine Vcrwaltungs-talente war gar nichts bekannt; seinem Wesen nach galt er für einen starren Ari-stokraten. In allen diesen Umständen und Persönlichkeiten lag also streng genommenkeine Veranlassung zu der Annahme, dieses Ministerium werde eine neue Ära desPolitischen Lebens in Baiern erschaffen. Wie wenig man überdies in den höchstenRegionen gewillt schien, dem Anbahnen einer solchen durch das Ministerium freiesSpiel zu lassen: darüber kamt uns heute der Umstand belehren, daß sämmtlicbe frü-here Minister, außer Abel, zum ordentlichen Dienst im Staatsrath berufen blieben,daß dagegen die neuen Portefeuillcstra'ger nur „interimistische" wurden und blieben,bis man sie mit nicht viel geringerm Eclat als den vorigen Kronrath bei Seite schob.
Trotz alledem zweifelte eigentlich Niemand daran, daß der beste Wille zur För-derung des Guten das neue Ministercollegium belebe. Stach doch schon das äußereBehuben, gesellige- Wesen und die leutselige Weise der Herren von Maurer, Zu-Rhein und Zenetti gegen die Art der Herren von Abel, Scinsheim und Schrcnkab. Die neuen Minister besaßen etwas bürgerlich Gemüthliches, und mit der Formder Gemüthlichkeit'kann man in Baiern die Herzen im Sturm erobern. Außerdemwurde das Ministerium sofort als das der „Morgenröthe" von dem Journalismusproclamirt. Inwiefern die neue Verwaltung sich ihrer unmittelbarsten und fernernAufgabe bewußt, ließ sich indessen aus solchen Hoffnungsphrascn freilich nicht erken-nen, und wirkliche Ministcrprvgramme waren damals gleichfalls nicht an der Tages-ordnung. Hatten doch selbst nur einige biographische Skizzen in der „AllgemeinenZeitung" dafür gesorgt, daß das Publicum wenigstens einige Nachrichten über dieisherigen Verdienste der neuen Minister erhalte. Das ofsicielle Blatt, die ,, Mün-chener politische Zeitung" (später „Neue Münchener Zeitung") druckte diese Notizenab, bemerkte aber dabei, daß wahre Staatsweisheit nicht blos „einseitig auf die Fe-derungen und den schwebenden, züngelnden Geist der Gegenwart schaue», sondern denBlick ungetrübt und »»getheilt hinaus erheben müsse auf die ferne Zukunft". Daßjene Einseitigkeit und diese Ungetheiltheit kein vernünftiger Mensch als die einzig mög-lichen Gegensätze aufgestellt hatte, kam dabei gar nicht in Frage. Sie brauchte nureinen Anfang für ihren Artikel. „Die Gegenwart in allen ihren schwebenden Fra-gen", fuhr jene Zeitung fort, „in ihren Foderungen, in ihren offenen und geheimenLeiden und Freuden unermüdet zu erforschen und das durch diese Forschungen Er-rungene, wie wenig erbauend, ja wie entmuthigcnd es auch bisweilen sein möge, klarwie eine Sichte für die nächste Zukunft festzuhalten, das scheint uns die Aufgabe°er Staatsmänner der Gegenwart zu sein, in welchem Lande sie immer wirken, umwelchen Thron sie immer geschart sein mögen." Dieselbe Redensart wurde sodannnoch folgendermaßen paraphrasirt: „So dürfte denn die nächste Aufgabe jedes Em-ir neu, wie der Staatswcisen überhaupt darin bestehen, über DaS, was man Ge-genwart nennt, und zwar nach allen Lebensberügcn hin, zu entschiedener Klarheitund zu gerechter Würdigung zu kommen." Man sieht also, die ofsicielle Zeitungerwartete vom neuen Ministerium nicht etwa, daß es die Kenntniß des Lebens,Klarheit und gerechte Würdigung mitbringe, sondern die Perspektive vom Ministcr-tlschc benutze, um dies Alles erst zu erwerben- Deshalb foderte die Zeitung (na-turüch klang dies wie eine Verheißung), daß der Presse „von den Staatslcukern der^ ^ Teilnahme, die großmüthige Förderung zu Theil werde, die sie »er-
dient". Dann hieß es zum Schluß dieser Progran,markigen Erörterung: „Mögewol erwogen werden, daß wir in einem Jahrhunderte leben, in welchem die Unter-