Band 
Achter Band.
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Die neue deutsche Lyrik. 27

die alte feste Gestalt des Lebens und Glaubens in Nebel zerfloß, ohne einen neuensichern Gehalt erobert zu haben, mußten sich an Heine anlehnen, der das schwan»kcnde poetische Orlögsschiff dieser ganzen seekranken Flotte befehligte. Auf der an-dern Seite ist er, durch das Hineinziehen lebendiger Bilder der neuesten Geschichte,besonders aus der Zeit des französischen Imperators, sowie durch den derben Fehde-handschuh, den er unsern Zustanden zuwarf, der Vorläufer der politischen Lyrik.Zwar ritt er nie „das Pferd der Parteiwuth, das pathetisch stampft und wiehert";doch die Funken, die sein Dichterröß auf dem phantastischen Fluge aus dem Bodenschlug, haben doch manches weitlodernde politische Heckenfeuer angezündet. Er istüberhaupt die plänkelnde, tiraillirende Avantgarde der neuen Lyrik, die aus dem altenromantischen Dichterwalde mit Blitz und Knall die Sangesvögel schreckt, und dochwieder so gern, das Gewehr bei Seite, in den duftenden, liederreichen Gebüschenlagert!

Die politische Lyrik, die sich auch in ihren begeisterten Vertretern von Heine'-schen Anklängen nicht ganz frei hielt, mußte doch, ihrem innersten Wesen nach, mitForm und Gehalt der Heine'schen Dichtung in Widerspruch treten. Denn sie ge-wann wieder den festen Boden unter den Füßen, den die kühnen Lustsprünge desgenialen Atta - Troll - Poeten ganz verloren hatten. Dieser Boden war der Bodender Überzeugung, der religiösen Begeisterung, des politischen Neformdrangs. SolchemInhalte konnte die zerrissene Form Heine's nicht mehr genügen: mau brauchte Ener-gie des Ausdrucks, die geschlossene Ganzheit der Kunstform, statt der Pointe dasRondeau, stakt des Witzes das Pathos, statt der lustigen, graziösen, frivolen Seiten-pas den ernsten, gediegenen Mannesschritt. Die politische Lyrik parodirte die Ro-mantik nicht mehr; sie huldigte nicht mehr den schwärmerischen Gefühlen, um sieinnerlichst aufzulösen: sie betrachtete die Don-Quixoterie als überwunden und wandtesich in directem Anlauf gegen den Staat und die Gesellschaft, insoweit beide idealenAnsprüchen nicht mehr genügten. Sie war von einer Jugendlichkeit, welche auf denbegeisterten Anfang einer neuen Epoche hindeutete. Es ist viel über die ästhetischeBerechtigung der politischen Lyrik gestritten worden, und kritische Autoritäten habenihr gewichtiges Urtheil ausgesprochen; doch entschiedener zu ihren Gunsten spricht dienicht gemachte, nicht forcirte innige Theilnahme der Nation an diesen hohen Liedernpolitischer Begeisterung, sowie das unleugbare Talent der Dichter, welche sich dieserRichtung zugewandt. Wenn schaffende Kraft und freudiges Empsängniß sich auseinem Punkte begegnen: so ist dieser Punkt ein echter Quellpunkt der Zeit, des Le-bens, der geschichtlichen Nothwendigkeit, dessen Recht ein höheres ist als das Recht,das die ästhetischen Scholastiker in subtilen Distinctionen festzuhalten suchen. Dochist die politische Lyrik, wenn sie auch hier in einer neuen Gestalt auftrat, an undfür sich keine neue dichterische Form, nichts Unerhörtes, Niedagewesenes oder demWesen der Lyrik Fremdes. Schon die Alten haben sich nicht auf anakreontischesWein - und Liebesgetändel oder theokritische Idyllen beschränkt, sondern auch denStaat, das Gesetz, seine ruhige Weisheit, und den Krieg, seine thatkräftige Bewegungin lyrischer Feier verherrlicht. Der erhabene Pindar, der Sänger der olympischenSpiele, der größten griechischen Nationalfcierlichkcit, ist mit seinem Odenschwung ebensogut ein politischer Dichter wie Tyrtäus mit seinen lacedämonischcn Kriegsliedern.Wenn Horaz in servilen Strophen die Heldenthaten des Augustus feiert, so gibter seine Poesie ebenso in den Dienst des Staats und der Zeitgeschichte, wie Juve-nal, wenn dieser die Entsittlichung der Jmperatorenzeit mit beißender Satire schil-dert. Ja, der größte Dichter des Mittelalters, das den Gegnern der politischenPoesie die Waffen borgen muß, der gewaltige Dante, hat in seine Hölle wie in sei-nen Himmel nur die Helden seiner Zeit eingesperrt und die gigantischen Kämpfe seineseisen- und glaubensfesten Jahrhunderts in den lyrischen Fresken seiner Phantasie ver-ewigt. In der eitls ckolente wohnt ebenso viel politische Poesie wie in den Räu-men des Paradieses. Selbst der fromme Klopstock hat die Französische Revolutionin kraftvoller, wenn auch kaum scandirbarer Begeisterung verherrlicht. Die Sänger