38 Die neue deutsche Lyrik.
der Befreiungskriege, Körner, Schenkendorf, Arndt waren in Wahrheit politischeDichter. Der Widerspruch gegen die politische Lyrik konnte daher, wenn er einenvernünftigen Sinn haben sollte, nur gegen die neue Gestalt gerichtet sein, in welcherdieselbe seit 1840 auftrat. Es war vor allem die Unbestimmtheit ihres Gehalts,welche die Kritik herausfoderte. In der That lehnte sie sich an keine nationalenThatsachen an, sondern ließ nur den vagen Kampfruf erschallen und hing allenGelüsten ihres innern, revolutionären Dranges nach. Es war eine Lyrik der Postu-late, die unbestimmte Ahnung eines neuen Völkcrfrühlings, einer schönen, großenZukunft, die Sehnsucht nach Kampf, gegenüber der Übermüdung durch triviale Ver-hältnisse. Die alte Mondschein- und Liebeslyrik hatte diese poetische Revolte hervor-gerufen, deren rastloses Trommeln und Sturmläuten den philiströsen deutschen Parnaßerschreckte. Politische Ereignisse, wie die Thronbesteigung des Königs von Preußen,an welche sich so viele Erwartungen knüpften, hatten dieser Lyrik ein schwimmendesFloß gebaut, auf dem sie der Zeitstrom steuerlos herumtrieb. Diese ganze Kampf-lust hatte gar keinen Feind; sie wollte dreinschlagen, gleichgültig ob auf die Fran-zosen oder auf die Nüssen, wie es mit großer Naivetät Georg Herwegh, der Tyr-täus dieser lyrischen Fechtpositur, ausspricht:
O fraget nicht, wo Feinde sind!
Die Feinde kommen mit dem Wind!
Wie Heine aus der Romantik heraustrat, indem er sie durch ihre eigene Consequenzzu Grunde richtete, so riß sich diese kampflustige Jugend gewaltsam aus den Armenbeb Armida los und schloß sich irgend einem Kreuzzuge an, der gegen die „Tyrannen"abenteuerte. Die Unbestimmtheit des Gehalts hatte aber bei dieser Lyrik denMangel an plastischer Sicherheit und fester Gestaltung wie die Gefahr der nebu-losen Phrase zur nothwendigen Folge. Dennoch waren die Accorde ihrer dichterischenBegeisterung rein und voll; die Innerlichkeit, die sich aussprach und in der lyrischenForm mit vollem Rechte aussprechen durfte, hatte Kraft und edeln Schwung; derGeist der Unruhe, der Kampfeslust, des Thatendurstes, der sie beseelte, fand eintausendstimmiges Echo im deutschen Volke. Auch muß man in der Entwickelungdieser Lyrik mehre Phasen unterscheiden. Bei den Vorläufern derselben, wie Grünund Lena», klingt das politische Element nur wie Posauncnton aus dem großenOrchester heraus, in welchem elegische Violinen oder phantastische Bratschen die ersteStimme haben. Bei den eigentlichen Vertretern dieser Lyrik, wie Herwegh, Pruhund Andern, paßt die oben gegebene Charakteristik, während die jüngsten politischenLyriker sich theils der socialen Frage zuwendeten, theils durch die neuen geschicht-lichen Ereignisse einen bestimmten Gehalt, lebendige Farben und stakt der gestaltlosenZukunft eine gestalt- und farbenreiche Vergangenheit gewonnen haben.
Zu den Vorläufern der politischen - Lyrik rechnen wir vor Allen AnastasiusGrün, Nikolaus Lena» und Karl Beck, welche vorzüglich die freie Richtung deröstreichischen Poesie vertreten. Anastasius Grün (Graf von Auersperg) trat zuerstmit „Blättern der Liebe" (Stuttg. 1830) auf, die indessen durch seinen „Letzten Rit-ter, Romanzenkranz" (Stuttg. 1830; 6. Aufl., Leipz. 1851) bald in Vergessenheitgeriethen. Seine „Spaziergänge eines wiener Poeten" (Hamb. 1831; 3. Aufl.,Leipz. 1844), sein „Schutt" (Leipz. 1838; 10. Aufl., 1881), seine „Gedichte"(Leipz. 1837; 9. Aufl., 1832) machten ihn zu einem Lieblingsdichter des deutschenPublicums, während seine beiden neuesten Schöpfungey, „Die Nibelungen im Frack"(Leipz. 1843) und „Pfaff vom Kahlenberg" (Leipz. 1850), seinen Ruhm nicht ver-mehren konnten. Anastasius Grün ist ein origineller Dichter, dessen entschiedenesTalent sich besonders im Bilderluxus gefällt und seine Gefühle und Gedanken nurin glänzendem Gewände in die Welt sendet. Seine Fehler sind die Fehler des Reichthums, die man um so leichter verzeiht, als gerade in jenerLeit die Wein- undLiebespoesie mit den abgetragensten Metaphern wirthschaftete? Doch ist es bei.Grün keineswegs die leere Phrase, welche mit geborgtem Flitter einherstolzirt: Ge-fühl und Gedanke sind bei ihm echt und werthvoll, selbst wenn man sie der kost-