44 Die neue deutsche Lyrik.
Vergleich zu Grün und Beck lag mehr in der Form als in dem Inhalt, der einebunte Musterkarte verschiedenster Richtungen war. Herwegh feierte bald den Königvon Preußen, den er zu einem Eroberungskriege gegen das übrige Deutschland auf-soderte, bald brachte er der Republik ein Hoch. Seine Poesie war royalistisch undrepublikanisch durcheinander. Bald brauste sie deutsch-national auf, setzte sich in Po-situr gegen die Franken und schützte den Vater Rhein; bald hatte sie eine kosmo-politische Färbung und pries die völkerverbrüdernde Humanität. Trotz dieser Unklar-heit der Tendenz war sie Das, wofür sie sich ausgab, eine Poesie des Lebens, gegen-über dem todten Dilettantismus der Aristokratie, eine Poesie der Gesundheit undKraft gegenüber altersschwachen Zeitdichtungen. Sie vertrat die Bewegung, denKampf L tout prix, das frisch sich ausjubelnde Lebensgesiihl des deutschen Volks.Ihre Losung war: statt der Kreuze die Schwerter, statt des schmerzlichen DuldenSden freudigen Kampf. Die Rosse mußten wiehern und stampfen, die Trompetenschmettern; Todesahnung, wie bei Körner, Todessehnsucht, nicht weil man des Lebensmüde war, sondern weil man schön und ehrenvoll sterbe» wollte! Die meisten unddie bekanntesten Herwegh'schen Gedichte athmen diesen Geist. In einigen, wie indem „Gang um Mitternacht", offenbart sich eine hohe, dichterische Weihe und sel-tene Meisterschaft der Form; in andern, wie in dem Gedicht auf „Büchner's Tod",eine gedankenvolle Begeisterung, welche auch in den „Sonetten" mit Hinneigung zuSt.-Simonistischer Tendenz in Ehe und Liebe vertreten ist. Der zweite Theil der„Gedichte eines Lebendigen" fällt bereits in eine Zeit, in welcher die jugendlicheKampfeslust mancher Enttäuschung preisgegeben wurde. Derselbe hat lange nichtdie Frische und den Schwung der ersten Gedichte: der satirische, epigrammatischeTon herrscht vor. Die Siegesgewißheit hat einer frivolen Skepsis weichen müssen.Auf der andern Seite hat der Dichter sein Glaubensbekenntniß formulirt und aben-teuert nicht mehr unter verschiedenartigen Fahnen. Der Dichter stellt sich > mitEntschiedenheit auf die Seite der revolutionären Partei und wirft dem Könige vonPreußen in Dante'schen Terzinen einen republikanischen Fehdebrief hin. Außerdementhalte» die neuen Gedichte einige socialistische Volkspoesien in Ve'ranger'schem Stilund Anklänge an das Junghegelthum, wie z. B. das „Heidenlied", während in denersten Gedichten der persönliche Gott, dem der Dichter bald grollt, zu dem er baldbetet, den er bald segnen, noch öfters fluchen läßt, ein. unentbehrliches Agens derBegeisterung ist. Seither hat Herwegh, außer einer Übersetzung von Lamartine'-Dichtungen, nichts von Bedeutung mehr veröffentlicht.
Neben Herwegh steht FranzDingelstedt, den Heine den Cassius dieffs Brutusnennt, obgleich Dingelstedt sich von dem Vorwurf hohläugiger Freiheit-träumereien inletzter Zeit gänzlich frei gemacht hat. Wir erwähnen von seinen Schriften: „Liedereines kosmopolitischen Nachtwächters" (Hamb. 1840; 2. Aufl., 1842); „Gedichte"(Stuttg. 1845); „Nacht und Morgen" (Stuttg. 1851), von denen das erste Dichterwerkder revolutionären, das zweite der neutralen, das dritte der reactionären Poesie angehört.Die „Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters" haben viel Formgewandtheit undsatirische Herbheit, sind aber anfänglich entschieden überschätzt worden. Es ist manchleeres Getute darin, das nicht aus dem Herzen kommt. Die demokratische Lyrikvon Dingelstedt verhält sich zu der von Herwegh wie der Nachtwächterspieß zumSchwert. Sie hat von kriegerischer Begeisterung keine Spur, und schleppt nur hinund wieder irgend eine verirrte Lächerlichkeit oder Trunkenheit des deutschen Geistes,irgend einen Don Quixote oder Sancho Pansa auf ihre poetische Wache. Daß Din-gelstedt sich zu den politischen Freiheitsdichtern gesellte, war mehr eine momentaneLaune als eine innere Nöthigung. Bedeutender sind die „Gedichte", in denen sichdie eigenthümliche Individualität Dingelstedt'-, seine Eleganz, seine Grazie, der Goe-thc'sche Hauch der Poesie, sowie eine wahrhaft moderne Lebensauffassung in Stoffund Form gleichmäßig bewährt. Die Krone dieser Gedichte ist „Der Roman",eine Schöpfung aus einem Guß, ein poetisches Lebensbild von wärmster Farben-gebung, beredter Sprache der Leidenschaft und großer Plastik der Darstellung. Der