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Achter Band.
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Die neue deutsche Lyrik. 45

südliche Hauch der Sinnlichkeit und tiefer Naturempfindung, der den „Roman" durch-weht, wie seine gegen die Herrschaft der Sitte rebellische Tendenz, haben dem Dich-ter manche Anklage zugezogen. Doch ist die Tragik eines einfachen, tiefen Gefühls,das an den Schranken der Gesellschaft untergeht, gewiß ebenso berechtigt wie derGegensatz zwischen der milden, freien, üppigen Natur und der unwahren heuchle-rischen Civilisation. Vortrefflich ist es Dingelstedt gelungen, diesen Contrast poetisch-u malen, ihn sowol in der Rhythmik wie im ganzen Gang der Verse zu spiegeln.Das Jungdeutsche, Novellistische, das Dingelstedt charakteristrt, zeigt sich auch hier,nicht immer zum Vortheil der Dichtung, indem die Blasirtheit, der Weltschmerz, derEkel, die Abspannung, die ganze moderne Culturbarbarei sich zu breit und' selbst-gefällig cxpliciren. Doch ein Talent, welches Farben und Töne meistert, macht dieseAuswüchse leicht vergessen. Der „Roman" ist die schönste Blüte der Dingelstedt'-schen Poesie, deren neuestes Werk „Nacht und Morgen" wieder dem politischen Di-lettantismus verfallen ist, welcher seine satirischen Gcißelhiebe zur Abwechselung ein-mal von der andern Seite fallen läßt. Die vielangcgriffene Metamorphose des Dich-ters scheint uns nicht so beachtenswerth, indem sein eigentliches Wesen sich nicht inPolitischer Lyrik ausspricht. Das Positive, was er gibt, erscheint hier so oberflächlichwie in den Liedern eines kosmopolitischen Nachtwächters, und dir negatiae Satire kehrtsich nicht an Partcistandpunkte. Dennoch muß man die „Fresken aus der Pauls-kirche" verurtheilen, weil der Dichter hier einem große» Streben nur kleine Seitenabgewinnen kann.

Robert Eduard Pruh betrat das Gebiet der Lyrik 1840 mit seinem Gedicht„Der Rhein", mit welchem er dem „Rheinlied" von Niklas Becker ein Paroli bie-ten wollte. Niklas Becker, dessen „Gesammelte Gedichte" später seine poetische Im-potenz an den Tag legten, hatte, wie ein blindes Huhn, eine Perle gesunden, dieauf dem Acker des deutschen Patriotismus lag, und die ihm von Fürst und Volkgolden eingefaßt wurde. Die Renommagc des französischen Ministeriums Thiersund einiger rheinlüsterner Poeten hatte in Deutschland eine gleiche Renommagc her-vorgerufen. Der Ausdruck dieser Renommagc war das Becker'sche Rheinlied, dasin allen Salons und Schenken gesungen wurde. Die Form war glücklich getroffen,kurz und bündig zusammengefaßt. Doch dieser drohenden Attitüde mit erhobenerFaust suchte Prutz eine tiefere Bedeutung zu geben, indem er dem leeren Patriotis-mus s tont prix den wahren erfüllten Patriotismus gegenüberstellte. Dies konntenicht geschehen, ohne dringende Postulate in Bezug auf ein freieres deutsches Geistes-leben hinzustellen. So sehr das Pruh'sche Gedicht „Der Rhein" das Lied vonBecker an Gedankcngehalt übcrwogte, stand es doch, was sangbares Nondeau derForm betrifft, hinter diesem zurück. Hiermit ist überhaupt die Lyrik von Prutzcharakteristrt. Es ist eine Rcflexionspoesie, oft von tiefem Ausdruck der Empfindung,oft von gewaltiger schlagfertiger Rhetorik, oft von satirischer Erbitterung, ohne in-dessen, bei aller Glätte der Form, bei aller Vorliebe für Strophenbildungen undRefrains, in sangbaren Liederweisen auszutönen. Damit soll keineswegs ein Tadelausgesprochen sein, wie es von jener einseitigen, in ihren Phrasen modischen Kritikgeschieht, welche keine andere lyrische Form kennt als das Lied, und Alles, wasüber diese einfache Gefühlsblüte durch üppig wuchernde Phantasieranken oder hoch-ragende Gedankendolden sich erhebt, als Rhetorik verdammt — ein Urtheil, welchemunsere größten und volksthümlichsten Dichter, Klopstock und Schiller, zum Opferfallen müßten. Die Berechtigung gedankenvollen Odenschwungs und anderer höhererlyrischer Dichterformen zu leugnen, konnte nur einer Zeit einfallen, welche den ro-mantischen Minnesang mit seinem Singsang und Klingklang gern zur Alleinherr-schaft bringen wollte. In den „Gedichten" (Leipz. 1841), die dem Pruh'schen Nhein-liede folgten, wird die eigentlich politische Lyrik'nur durch einzelne Anläufe vertreten,während die alte Liebes- und Balladcnpoesie gewaltig ins Kraut schießt. In seine»spätern „Gedichten" (Zür. 1843; 3. Aufl., 1846) schließt sich Prutz ganz an Her-wcgh an, bestimmter in seinen Federungen als dieser, aber weniger schwunghaft, oft