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Die neue deutsche Lyrik.
Einfachheit, Herzlichkeit und Unschuld des Bauernstandes wird mit der Verderbtheitdes Ritterthums wirksam contrastirt. Der Sieg der Bauern und ihrer gerechtenSache verschafft auch der reinen Liebe Cordula's den Sieg. So ist Cordula eineliebliche Liebes- und Frciheitsdichtung ohne alle rhetorischen Posaunenstöße und ten-denziösen Bergpredigten. Waldau ist hier in der Form zu großer Simplicität durch-gedrungen, ohne sie gleich festzuhalten. Die aufeinander klappenden Doppclreime,so geschickt sie im Ganzen gehandhabt sind, erinnern überall, wo der Dichterschwungermüdet und Uowsrus <lormitat,,an Bänkelsängerweisen. Ebenso wenig ist der Bil-derflor durchweg geschmackvoll geordnet und von Überwucherung freigehalten. Trotzdieser Ausstellungen hat Waldau in der „Cordula" seine hohe dichterische Begabungmehr noch als in den frühern Gedichten an den Tag gelegt. Die Bedeutung seinesStrebenS liegt vor allem darin: daß er aus dem Zeitgeist heraus dichtet, ohne mitnackten Tendenzen zu kokettsten; daß er nirgends die Schönheit den Federungender Wahrheit oder Freiheit opfert; daß er die organische Einheit des Kunstwerksfesthält, aber auch durch alle Adern dieses Organismus die berechtigten Gedankender Zeit kreisc-n läßt.
Zu den Lyrikern der neuen Richtung müssen wir noch Gottfried Kinkel rech-nen, wenngleich seine bedeutendsten poetischen Thaten der alten Richtung angehören.Doch da sein Leben in Scene gesetzte politische Lyrik ist, so mag er hier seine Stellesinken. Seine von Adolf Strodtmann herausgegebene Biographie (2 Bde., Hamb.1880) zeigt uns die Entwickelung dieses Dichters, sowie die Verknüpfung seinerLebensschicksalc. Der orthodoxe Candidat wurde von den ersten Neigungen seinesHerzens hin und her getrieben, und fand mehr Befriedigung in den Satzungen derTheologie als in den sentimentalen Liebschaften, denen er sich hingab. Als theo-logischer Docent an der Universität zu. Bonn zeichnete er sich durch seine frommeRichtung aus, die indessen bei ihm weniger in einer wissenschaftlich festen Ortho-doxie wurzelte, als in einem mystischen und vielbewegken Gefühlsleben. Eine Reisenach Italien förderte in ihm eine freiere Richtung und gab ihm Kunstanschauungund Begeisterung für die Kunstgeschichte, die ihn später bewog, sich diesem Zweigeder Wissenschaft gänzlich zu widmen. Seine „Geschichte der bildenden Künste beiden christlichen Völkern" zeigt, wie fruchtbringend diese für ihn gewesen. Der ent-scheidende Wendepunkt in seinem Leben war seine Bekanntschaft mit Johanna Mvckel,der geschiedenen Frau des Buch- und Musikalienhändlers Mathieux, welche durchdie Energie ihres freien Denkens und ihr geniales Wesen, sowie durch die tiefe Nei-gung, welche sie Kinkel einzuflößen wußte, ihn zu einem Apostaten der Theologiemachte und ihn ganz auf das Gebiet der modernen philosophischen Anschauunghinüberführte. Kinkel gab daher die Theologie auf, wandte sich der Kunstge-schichte zu, und erhielt die Professur der Kunst-, Literatur- und Culturgeschichte ander bonner Hochschule. Das Jahr 18-18 mit seiner politischen Freiheitsbegeisterungergriff auch Kinkel's empfängliches Gemüth aufs lebhafteste. Er organisirte die De-mokratie im bonner Kreise, übernahm die Redaction der „Bonner Zeitung", stif-tete einen Handwerkerbildungsverein, und wurde 1849 zum Abgeordneten der zweitenKammer gewählt. Von jetzt ab gehört sein Leben der Geschichte an. Bekannt istsein entschiedenes, begeistertes Auftreten als Deputirter der äußersten Linken, seinKampfesmuth nach Auflösung der Kammern, seine Theilnahme an dem verunglück-ten Zuge nach Siegburg, an dem pfälzischen und badischen Aufstande, seine Ver-wundung und Gesangennehmung an der Murg, seine Vcrurtheilung durch das preu-ßische Kriegsgericht, seine Haft in Naugardt und Spandau, seine kühne Befreiungdurch Karl Schurz, sein Aufenthalt in London, seine Reise nach Amerika. DasInteresse einer Biographie, die an und für sich ein politisches Epos ist, mag esrechtfertigen, daß wir hier die Haupmomente dieses Lebens berühren. Der DichterKinkel hat indessen nur in einzelnen neuern Gedichten sich der Freiheitslyrik zuge-wendet und darin besonders die Autonomie des Gedankens verherrlicht, während alleSchöpfungen, welche ihm einen Namen machten, unberührt von Zeitströmungen, ent-