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Die neue deutsche Lyrik.
weder ganz der subjektiven Empfindung oder der epischen Schilderung mittelalterlicherSituationen gewidmet waren. Seine „Gedichte" (Stuttg. 1843; 3. Äufl., 1851) ent-halten einige der schönsten Blüten der Gefühlslyrik. Es ist die melodische, reine, adeligeForm, welche sie auszeichnet. Frei von jeder Tändelei und Künstelei, dringt die Empfin-dung frisch, Voll und klar aus der Seele. Kinkel schöpft an dem köstlichen Quellder Klassicität, und erinnert nirgends an die formlose Verwilderung der Romantiker.Wir erwähnen nur das Gedicht „Gruß an mein Weib", das er nach seiner Ver-mählung mit Johanna dichtete, als Probe dieser klaren, schönen, aus Herzenstiefenkommenden Dichtweise. Viele dieser Gedichte athmen die innere Unbefriedigung, dengeistigen Kampf, die Zerfallenheit mit dem Schicksal, die Kinkel's Übcrgangsepochecharakterifirt. In andern zeigt sich ein liebenswürdiges, pittoreskes Talent, das ohnegroßen Farbenaufwand doch lebensvolle Bilder hinzuzaubern versteht, mag es nunein arkadisches Sonntagsidyll oder eine südliche Landschaft, oder selbst Nom mit sei-nem Capitel und der Pcterskirche zum Gegenstand wählen. Bedeutender noch zeigtsich das beschreibende Talent in seinen epischen Dichtungen, in den „Bildern ausWelt und Vorzeit", in den Legenden, besonders in „Otto der Schütz". Kinkelerinnert in der harmlosen, unbefangenen Auffassung des Mittelalters am meisten anUhland, dem er auch durch die Herzigkeit und Lieblichkeit seiner Dichtweise verwandtist. Hier ist nichts von reactivnärcr Tendenz, welche aus den alten Rittern undKnappen Missionäre der jüngsten Gottseligkeit macht. DaS sind frische graziöse Ge-stalten, fest auf einen lieblichen Hintergrund hingezeichnet. Wenn auch dir Poesiedes Minnesangs in manchen Anklängen hervorbricht, so ist sie doch nirgends gewalt-sam mit gedankenlosem Klingklang hereingezogen. Die niedcrrheinische Sage, derenInhalt einfach genug, gewinnt bei der zarten, duftigen Behandlung Kinkel's einereiche, poetische Folie, einen Kranz idyllischer Arabesken, der sich in liebenswürdigerSinnigkeit und Einfachheit um die epische Fabel schlingt. Kinkel hält sich ganz freivon jeder Schönrederei und metaphorischen Überschwänglichkeit — das fast durch-gängige, charakteristische Kennzeichen der neuen Lyrik, der es dadurch schwer genugwird, an den Klippen der zweiten schlesischen Dichterschule vorbeizusegeln.
Neben den Koryphäen der Zeitlyrik drängt sich eine große Schar von Sängern,die mit mehr oder weniger Beruf die Harfe schlägt, im Ganzen aber sich von denhervorragenden Meistern des Gesangs abhängig zeigt. Vor allen hat die Herwegh'scheLyrik einen großen accvmpagnirenden Chorus hervorgerufen. Wir erwähnen: denSchweizer Gottfried Keller („Gedichte", Heidelb. 1846; „Neuere Gedichte", Braunschw.1852), ein naturkräftigcr Sänger, der sich auch durch ethische Tiefe auszeichnet.Einer einfachen, nicht sentimental verzerrten Liebeslyrik huldigt er in seinen „Ein-undzwanzig Licbesliedern" (1845). Johann Deeg („Gedichte", Stuttg. 1843) isteine verwandte, tüchtige Natur, voll Begeisterung für das ethische Ideal der Neu-zeit, in seinen Gedichten harmonisch, anschaulich, präcis. Ludwig Seeger gefällt sichin seinem „Sohn der Zeit" (Zür. 1843) in behaglicher Ausbeutung des didaktischenElements und glänzendem Sentenzcnreichthum, während Adolf Schirmer in seinen„Gedichten" (Franks. 1846) in kurzen, fliegenden Rhythmen jugendliche Begeisterungathmet, in dem „Politischen Maibüchlein" (Hamb. 1848) dagegen die neuesten Zeit-begebenheiten in Streckversen satirisch geißelt. Ludwig Köhler ist in seinen „Gedich-ten" (Jena 1846) klar, ruhig, correct, reich an sinnig gewählten Bildern, aber ohnegeniale Tiefe, ein Mangel, der besonders in der größern Dichtung „Der neue Ahasver"(Jena 1841) durch Allegorisiren ersetzt werden soll. Die „Gedichte" von Feodor Löwe(Stuttg. 1843) zeugen von Frische der Empfindung und formeller Durchbildung.Seine „Lieder aus Frankfurt" (Stuttg. 1850) und „Eine Dichterwoche" (1850)knüpfen vielfach an Ereignisse der Neuzeit an, und behandeln sie oft mit derbemHumor, aber ohne höhern Schwung. Der modernen Richtung ohne besonders her-vortretende politische Färbung gehören an: Eduard Duller („Gedichte", Berl. 1845),ein glänzende- Talent, aber phantastisch und überschwänglich, mit vielem Theater-donner der Declamation einherfahrend, dabei aber von kernhafter, freier Gesinnung,