86 China und die Länder seines Cultursystems.
weit hinter den europäischen zurückbleibt. Die Himmelssöhne sind in der That mildeRegenten; sie verschmähen die Finanzereien, wodurch man aus den Unterthanen soviel Geld als möglich zu erpressen sucht. Treten außerordentliche Bedürfnisse ein,so schreibt die Regierung außerordentliche Abgaben aus. Sie legt Steuern auf Ei-telkeit und Dummheit, oder mit andern Worten, sie verkauft Titel und Würden,und fodert wol auch von den reichen Kaufleuten und großen Grundbesitzern frei-willige Beten.
An der amtlichen Statistik, „Gesammelte Satzungen der überausrcinen oderMandschu-Dynastie" überschrieben, findet man allerlei Angaben über die Land- undSeemacht des Mittelreichs. Diese Angaben sind aber, nach den Erfahrungen derletzten Jahre, ohne allen Werth. Mögen die Mandschu auch einige Millionen Trup-pen und Tausende von Schiffen zählen: wir wissen, daß 8 — 10000 Mann euro-,päische, oder auch blos europäisch bewaffnete und geschulte Soldaten mit einigenDampfschiffen hinreichen, das zurückgebliebene Volk der Mitte zu unterwerfen undihm jede Bedingung aufzulegen, welche dem Sieger nur immer belieben mag.
Das Vorspiel des englisch-chinesischen Kriegs.
Gar viel und vielerlei ist geschehen in den Ländern des chinesischen Culturjy-stems: die Reiche sind wiederholt getrennt und wieder vereinigt worden; Dynastiensind entstanden und wieder verschwunden; Fürsten und Räuber haben zu Land undzu Wasser gräßliche Thaten verübt. Dessenungeachtet hat China in unserm, inwahrem Sinne des Worts keine Geschichte. Wo die Entwickelung, wo der Fort-schritt fehlt, gibt es keine Geschichte. China hat sich überdies, mitten unter denVölkern der Erde, der Einsamkeit übergeben; Fremde, wenn auch an einzelnen Or-ten zugelassen, wurden wie Diebe und liederliches Gesinde! bewacht und mishandelt.Der Fremde ist dem Chinesen nicht blos ein außerhalb der Civilisation lebenderWilder, sondern ein Gott und Menschen verhaßter Dämon. Wer aber den Andernkein Recht gestattet, stellt sich selbst rechtlos hin; Macht erhebt sich gegen Macht;die Schwachen sind verloren und dürfen nicht einmal Klage führen. Auch ohneden Opiumkrieg wäre die Absperrung Chinas von der übrigen Welt nicht lange mehrzu halten gewesen. Dampfschiffe und Eisenbahnen dulden in unsern Tagen keineJsolirung mehr. Japan und Cochin-China, das nordöstliche Asten und Afrika wer-den auch ohne Opium und Lord Palmerston in die Weltbewegung hineingezogen.
In allen Staaten, wo sich die Menschen nicht selbst regieren, sondern von An-dern regiert werden, da kann den Massen weder Einsicht noch Tapferkeit, wederTugend noch Gerechtigkeit innewohnen. Mag die Regierung auch den bestenWillen haben, mag sie das Volk in der That zum Bessern, zum Höhen, erziehenwollen: es ist vergeblich, ihr eigenes Princip tritt ihr selbst feindlich entgegen.Preßfteiheit, politische und religiöse Vereine sind in China nicht gestattet, und selbsteine rücksichtslose Besprechung der Landesverhältnisse, sei es nun in öffentlichen oderPrivathäusern, ist, bei dem herrschenden Spionirwesen, nicht möglich. In Asienund allen Ländern, wo Vielweiberei herrscht, ist überdies eine gemischte Gesellschaftundenkbar; und doch will und muß der Mensch, hat er die Lasten des Tags ertra-gen, eine Erholung haben. Da ergibt er sich allen erdenklichen sinnlichen Gelüsten,er ißt und trinkt und spielt. Opium, Branntwein, Bier, und was sonst den Gau-men oder die Sinnen kitzelt, sind die Freuden der verthierten Massen. Ermahnun-gen, alle Vorkehrungen der Regierungen, welche diesen und jenen Ausschweifungensteuern wollen, damit sie am Ende nicht selbst in den Abgrund gezogen werden,sind vergebens. Sie kämpfen gegen die Grundpfeiler ihres eigenen Daseins; Feig-heit und Verdummung, Laster und Verbrechen sind ihre Stützen. Das Opiumrau-chcn hat während der ersten Jahrzehnde unsers Jahrhunderts in ganz Ostasien derArt zugenommen, daß die Einfuhr die Ausfuhr um große Summen überstieg, welchein Metallwerth ersetzt werden mußten. Das Opium ward verboten, doch sein Ge-brauch mehrte sich immer. Nun verlangte der Himmelssohn zu Peking, England