138 Die Alpen.
sirt, die der Wirkung des fließenden Wassers ausgesetzt waren. Ein Gletscher hin-gegen, welcher die Thäler ausfüllt und die Oberfläche einer Reihe großer Blocke,ohne sie abzurunden trägt, schien ihm das einzige Mittel, dem man möglicherweisedie Fähigkeit zuschreiben könnte, Blöcke auf so große Distanzen zu tragen, ohne sieabzurunden. Diese Ansicht wurde in neuerer Zeit, unabhängig von Playfair, aus-führlich entwickelt von Charpentier, Agassiz, Desor und Andern. Diese Beobach-ter haben nicht nur die Verbreitung der erratischen Blöcke in den Ebenen derSchweiz untersucht, sondern sie sind auch auf ein specielleres Studium der Phäno-mene eingegangen, die noch jetzt die Gletscher der Gegenwart zeigen, um darauseinen Schluß auf die Wirksamkeit ziehen zu können, welche sie den Gletschern ineiner frühern Epoche zuschrieben. Sie haben nicht nur gesehen, daß der Gletschereine große Zahl von Blöcken unversehrt bei seiner täglichen Bewegung mit sichführt und sie zuletzt an seinem untern Ende als große, meist etwas ringförmigeSteinwälle (Moränen) absetzt, sondern sie bemerkten auch, daß der Gletscher die Felsenin seiner Nähe sehr schön polirt und mit feinen parallelen Streifungen durchfurcht.Es wird dieses Phänomen durch die Reibung der feinen Sandkörnchen, die an derUnterlage des Gletschers sich befinden, mit dem festen Felsen hervorgebracht, undman kann dasselbe in der That in der Nähe jedes größern Gletschers beobachten.Jene Forscher waren nun sehr überrascht, ähnliche Glättungen und Streifungennoch an sehr vielen Punkten der Thäler und in großer Entfernung von den gegen-wärtigen Gletschern zu finden, und glaubten sich nun zu dem Schlüsse berechtigt,daß diese Felsschliffe überall Wirkungen früherer Gletscher seien, welche bei ihrerAusdehnung bis an das vordere Ende der Alpenthäler die Felsen in größerer Ent-fernung und bis zu bedeutender Höhe der Thalsohle stellenweise polirt, und zugleichaus den innern Theilen der Alpen die großen Blöcke krystallinischer Schiefer mitsich geführt hätten, die wir gegenwärtig als erratische Blöcke allenthalben zerstreutfinden. *)
Gegen diese Theorie wurde zunächst eingewendet, daß mau, um die so unge-heure Ausdehnung der Gletscher möglich zu machen, eine sehr große Erniedrigungder mittlern Temperatur voraussetzen müßte, für welche sich bei einem aufmerksamenStudium der, physikalischen Geographie durchaus kein irgend wahrscheinlicher Grundauffinden läßt. Im Gegentheil wird man sich überzeugen müssen, daß auf derErdoberfläche auf wärmere Klimaten etwas kältere gefolgt sind, bis herab zu denTemperaturzuständen der historischen Periode. Selbst die Thierreste, welche man inden gleichzeitig mit den erratischen Blöcken abgelagerten Geröllschichten findet, näm-lich jene des Mammuth, des Auerochsen, des behaarten Elefanten u. s. w., zeigendeutlich, daß damals selbst noch etwas wärmere Temperaturen in diesen Breiten ge-herrscht haben müssen als gegenwärtig, da die Repräsentanten dieser Thierclassenin der jetzigen Zeit nur noch in den wärmern Klimaten vorkommen. Warum solltenun plötzlich diese so regelmäßige und allmälige Aufeinanderfolge der verschiedenenKlimate durch eine Periode extremer Kälte über den ganzen Erdball verbreitetgewesen sein? Es haben ferner verschiedene Geologen, namentlich L. von Buch,Elic de Äeaumont und Andere, nachgewiesen, daß durch Wasserströmungen, durchdas Hcrabgleiten von Erde und von Geröllmassen auf geneigter Unterlage, unddurch die schalige Absonderung und natürliche Glättung mancher granitischen Fels-arten häufig ebenfalls polirte und gefurchle Felsenoberflächen entstehen, welche sehrleicht mit den von Gletschern hervorgebrachten Glättungen verwechselt werden können.Man hat ferner gezeigt, daß durch außerordentlich große und plötzliche Wasser-ströme, wie sie auch in historischer Zeit einige male bei vulkanischen AusbrüchenLurch das Schmelzen ausgedehnter Schneclager entstanden sind, Geröllmassen von
*) Bon dem Verfasser des vorliegenden Artikels brachten wir bereits im sechsten Bandeder „Gegenwart", S. 504 — 531, eine Abhandlung: „Die Gletscher, ihre Verbreitung undBildung, die wichtigsten Gesetze ihrer Structur und Bewegung." D. Red.