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Die Freie Stadt Bremen.
Zeiten sah man auf das kirchliche Bekenntniß wie heutzutage auf das politische, unddie eine reformirte Stadt, mitten zwischen lutherischen Nachbarn gelegen, mochte sichin derselben peinlichen Lage fühlen, wie heute etwa ein isolirtcs demokratisches Mi-nisterium in einem kleinen Bundesstaate sich fühlen würde. In Grenz- und andernStreitigkeiten ward Bremen meistentheils mit entschiedener Ungunst behandelt, unddas Verhältniß verbesserte sich nicht, als der Westfälische Friede die kirchlichen undterritorialen Streitigkeiten schlichtete. Denn durch jenen Frieden fiel das Erbthcildes ehemaligen Erzstifts Bremen, das Herzogthum dieses Namens, an Schweden,welches streng lutherisch war und sich als einen sehr ungnädigen Nachbar erwies.Wenn man erfährt, daß das Erzstift in der Stadt selbst wie im Gebiete Territorial-besitz hatte, daß somit also die Krone Schweden in unmittelbarster Nachbarschaft desNathhauscs Hoheitsrechte ausübte, daß ihr z. B. die alte erzbischöfliche Kirche mitdem Waisenhause gehörte, daß zu dieser Kirche, dem Dome, sich alle lutherischenEinwohner der Stadt hielten: so kann man sich die zahllosen Widerwärtigkeiten,Vexationen und Reibungen vorstellen, welche aus einem solchen Zustande hervor-gingen. Dazu kam, daß Schweden nicht übel Lust hatte, die reichsfreie Stadt selbstals Vasallin zu behandeln. Bremen besaß die Ncichsunmittelbarkeit unzweifelhaftschon seit vielen Jahrhunderten, aber die äußere Behauptung dieses ihres Charaktershatte es lange Zeit vernachlässigt. Es hatte nie lebhaften Antheil an den Reichs-tagen genommen und die Beschickung derselben außer Gewohnheit gerathen lassen.Erst im Anfang des vorigen Jahrhunderts verstand Schweden sich dazu, die Stadtals Reichsstadt anzuerkennen. In demselben Jahrhundert gingen bekanntlich die Her-zogthümer Bremen und Verben aus schwedischem in kurbraunschwcigischen Besitz über,und hannoverische Beamte und Behörden schalteten von nun an auf den StückchenLandes, welche innerhalb des stadtbremischen Gebiets Theile des Herzogthums gebliebenwaren. Der Wunsch, diese fremden Gäste loszuwerden und das Territorium zu ar-rondiren, war dadurch den Bremern sehr nahe gelegt, und sie verfolgten daher auchkaum irgend ein Ziel mit so großer Beharrlichkeit, wie dieses.
Die Einzelheiten der diplomatischen Verhandlungen, welche am Ende zu einerAbrundung des städtischen Gebiets führten, können wir füglich übergehen. Unterden gewaltigen Erschütterungen, welche das Ende des 18. Jahrhunderts bezeichneten,während Throne zusammenstürzten, während ungeheure Kriege die Welt in Schreckensehten, während das Deutsche Reich selbst seinem Auseinandcrsalle mit schnellen Schrit-ten entgegenging, waren die bremischen Rathshcrren kaltblütig genug, das Interessedes kleinen Gemeinwesens mitten in dem allgemeinen Tumulte nicht außer Augen zuverlieren. Gerade in jener Zeit war man ganz besonders bemüht, ersprießliche Kon-nexionen mit mächtigern Staaten nach verschiedenen Seiten hin zu pflegen. Auf dieinnern Zustände der Stadt blieb das französische Weltereigniß ohne sichtliche Wir-kung. So mächtig auch die gebildeten Classen von den großen Vorgängen der Zeitberührt werden mochten, so entschieden auch der Einfluß derselben auf Anschauungenund Gesinnungen unzweifelhaft war: eine äußere Änderung in der alten Ordnungder Dinge vermochten sie nicht hervorzubringen. Um so wichtiger war die Epochefür die territoriale Gestaltung Bremens. Im Jahre 1803 trat Hannover den Dommit seinen Pertinenzien an die Stadt ab, die jetzt zum ersten mal im ganzen Laufeihrer Geschichte vollkommen Herrin im eigenen Hause ward. Das ländliche Gebietward durch ähnliche Abtretungen hannoverischer, oldenburgischer und selbst braun-schweigischer Enclaven und Besitzthümer von allen fremden Bestandtheilen gereinigt.Es ist nicht zu bezweifeln, daß die Stadt, begünstigt wie sie bei allen diesen Un-ternehmungen war, durch die Demoralisation der Cabinete, durch den Leichtsinn,Mlt dem man damals über Quadratmeilen und Seelen verfügte, noch ganz an-dere Gebietserwerbungen hätte zu Stande bringen können, wenn sie ernstlich ge-wollt und die geeigneten Mittel angewandt hätte. Allein man dachte damalsnoch sehr naiv und glaubte, in einer Zeit, wo ein allgemeines Zugreifen an derTagesordnung war, nicht den Unsegen ungerechten Guts . auf sich laden zu dürfen.