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Achter Band.
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218 Die Freie Stadt Bremen.

„Das verhüte Gott, daß wir je unsere Hand nach Fürstengut ausstrecken sollten",rief damals ein bremischer Bürgermeister aus, als irgend ein speculativer Themisto-kles im Rathe auseinandersetzte, wie man leicht der Stadt einen festen Fuß an denuntern Wesergegenden gewinnen könne. Diese Gegenden waren für den rechtmäßi-gen Landesherrn in der Kriegs- und Occupationszeit wenig werth, und ohne Fragewürden sie unter dem städtischen Regiments eine ganz andere Bedeutung gewonnenhaben als unter dem hannoverischen. Es kam auch nicht darauf an sie zu usurpiren,sondern sie durch kluge Benutzung der allgemeinen Conjuncturen, durch Geld, durchhohe Gönnerschaften u. s. w. wohlfeil zu erwerben. Es unterblieb, theils aus Ge-wissenhaftigkeit, theils aus Engherzigkeit, welche vor der allerdings nicht unbedeuten-den Kostspieligkeit solcher Unternehmungen zurückschrak. So blieb die Stadt nichtallein ohne Landverbindung mit ihrem Flußhafen Vegesack, welcher zwei Meilenstromabwärts liegt und vornehmlich kleinere Seeschiffe aufnimmt, sondern sie ließauch die günstigste Gelegenheit ungenützt, sich einen eigenen Seehafen zu erwerben,den sie später schmerzlich genug entbehrt hat, bis 25 Jahre später reifere Einsichtund unternehmungslustigerer Sinn jene Versäumniß gut machte.

In der Stadt selbst ging die erwähnte Abtretung des Doms nicht ohne heftigeReibungen vor sich. Der konfessionelle Hader zwischen Reformirten und Lutheranernhatte in der ehrbaren und abgeschlossenen Reichsstadt die Zeiten der voltairianischenAufklärung überlebt, und wenn auch der äußere Friede gewahrt ward, wenn aucheinzelne gebildete und vorurtheilsfreie Männer dem starren Geiste der Zwietracht durchLehre und Beispiel entgegenwirkten, so legte doch die große Masse auf jene kirchlichenUnterschiede noch ein Gewicht, von dem man heutzutage keine Ahnung mehr hat.Es war selten, daß reformirte Familien mit lutherischen gesellschaftlichen Umgangpflogen, und Mischheirathen zwischen den beiden Glaubensparteien gehörten so sehrzu den Ausnahmen, daß man wol, wenn doch ein solcher Fall vorkam, von Seitender beunruhigten Familie die Prediger förmlich zu einer Confcrenz berief und ihnendie Frage vorlegte, ob der betreffende Freier nicht durch eine solche Verbindung Ge-fahr laufe, seiner Seelen Seligkeit zu verwirken. Die Geistlichen und Beamten derDomkirche gingen nur mit höchstem Widerwillen in ihr neues politisches Verhältnißüber. Mit dem ganzen Dünkel „fürstlicher" Diener hielten sie es für Raub, daßsie jetzt bürgerliche Collegien als Obrigkeit und Vorgesetzte anerkennen sollten; beidem eigenthümlichen Verhältnisse ihrer Kirche zur Stadt hatten sie bis dahin ge-wissermaßen einen Staat im Staate gebildet, hatten sie hohes Ansehen genossen undgroßen Einfluß geübt in einer Stadt, in welcher sie allein sagen konnten: der Rathhat uns nichts zu befehlen. Freilich half ihnen ihr Widerstand gegen die Republi-kanisirung des Doms nicht viel, aber sie machten doch eine Zeit lang durch spitzigeAnspielungen auf der Kanzel und im sonstigen Verkehr dem Senate das Leben ziem-lich sauer. Ihnen stand es fest, daß die Stadt die Hoheit über den Dom durchRänke und Intriguen erschlichen habe, und sie ließen sich das deutlich genug merken.Allerlei verfängliche Bibeltexte wurden hervorgesucht, um der Gemeinde anzudeuten,was der Pfarrer von der Obrigkeit denke; wie denn unter Andern; an dem erstenSonntage nach erfolgter Abtretung des Doms einer der Prediger das Gebot „Laßdich nicht gelüsten deines Nächsten Hauses" zum Thema seiner Kanzelrede wählte.

Um diesen Punkt gleich hier zu erledigen, sei bemerkt, daß die Spannung zwi-schen dem Dom und dem Rathe, gleichsam ein Aufflackern der alten Animosität zwi-schen dem Erzstifte und der Stadt, noch Jahrzehnde hindurch fortdauerte. Nurschwer gewöhnte ersterer sich daran, die bischöfliche Kirchengewalt des reformirtenRaths, der dieselbe-im vollen Umfange eines Territorialheeren beanspruchte, anzuer-kennen, und es fehlte daher nicht an wiederholten Reibungen. Diese veranlaßtenin späterer Zeit den Senat, auch an einigen der reformirten Stadtkirchen lutherischePfarrstellen, zu errichten, welche das Monopol des Doms über die lutherischen See-len der Bevölkerung brechen sollten. Der Erste, der eine solche Pfarre antrat, warDräseke, der spätere Bischof von Magdeburg, welcher durch seine Bcredtsamkcit einen