460 Die kirchlich-religiöse Bewegung der Gegenwart.
-er sich einer solchen äußerlich unterwirft, ohne sie innerlich anzuerkennen. IhreQuelle ist nicht nur das Verlangen nach einem religiösen Glauben, der dem längstgewonnenen Fortschritt des Wissens entspricht, sondern auch nach einem Cultus, derdie lang entbehrte Befriedigung des religiösen Bedürfnisses wiederbringt. DasZeugniß ihrer innern' und äußern Berechtigung ist die gemeinde- und kirchenbildcndeKraft, die sie in so ungewöhnlicher Weise bewährte; das Zeugniß ihrer religiösenTendenz ist die Bereitwilligkeit, mit der sie auf die sofortige und vollständige Durch-führung ihres Princips verzichtete, um nicht den Zusammenhang mit der eigenenVergangenheit und dadurch die Kraft zur Verwirklichung ihres Werks zu verlieren.Die deutschkatholische Kirche hat sich von den innern Widersprüchen nicht befreienkönnen, die wir bereits oben als die Quelle aller religiösen Bewegung bezeichneten.Sie hat troh der Proclamirung einer vollen Gewissensfreiheit, trotz der unbeding-ten Anerkennung des Rechts der Vernunft, troh der Gewährleistung eines unge-hemmten Fortschritts die Autorität der Heiligen Schrift nicht verleugnet, die Formu-lirung eines Bekenntnisses nicht aufgegeben, die Trinität nicht fallen gelassen. Abersie hat sich dadurch zu einem wirklichen Moment in der Reihe der Entwickelungengemacht, welche die Religion und das Christenthum zu durchlaufen haben. Siehat sich auch ohne Zweifel eine Zukunft gesichert, weil sie die Vergangenheit nichtaufgegeben hat. Die nationale Aufgabe, die sie ursprünglich neben der religiösenverfolgen zu wollen schien, die Aufgabe, die katholische Kirche Deutschlands von derrömischen Suprematie freizumachen, vermochte sie natürlich im Großen nicht zu lösen,da sie in so entschiedener Minderheit blieb.
Die freudigste und einmüthigste Zustimmung fand die deutschkatholischc Bewe-gung unter der freisinnigen protestantischen Bevölkerung Deutschlands, und nurwenige Protestanten stellten sich mit Hengstenberg sofort auf Seiten ihrer Gegner.Unter den Katholiken strömten Hunderttausende der neuen Kirche zu, und Millionengehörten ihr bereits im Herzen an. Aber unsere Zeit ist nicht eine Zeit des ent-schlossenen Handelns, sondern des vorsichtigen Abwartens. Dem glühenden Donner-wort des katholischen Klerus gelang es, gar Viele von dem entscheidenden Schrittzurückzuhalten, den sie bereits zu thun im Begriff waren. Die katholischen Regie-rungen unterstützten diese Bemühungen des Klerus mit allen ihnen zu Gebote ste-henden Mitteln. In Ostreich wurde der Übertritt zur deutschkatholischc» Kirchegeradezu als Verbrechen bestraft; in Baicrn den propagandistischen Predigern der-selben der Eintritt versagt und den sich dennoch daselbst bildende» Gemeinden diewiderwärtigsten Hemmnisse in den Weg gelegt. Viele protestantische Regierungenhatten den Beginn der Bewegung nicht ohne die freudige Hoffnung begrüßt, durcheine so gewaltige Erschütterung der katholischen Kirche einen gleichen Machtzuwachsfür die protestantische zu gewinne». Aber die Entschiedenheit der Richtung, diealsbald von der Bewegung eingeschlagen wurde, verwandelte diese Hoffnung in dieBcsorgniß, daß die orthodoxe protestantische Kirche dem Stoß nicht minder preisge-geben sein dürfte als die katholische. Man nahm eine zuwartende, neutrale Stellunggegen die Bewegung ein. Man ließ sie gewähren, ohne sie noch weiter zu fördern.Man setzte der Bildung der Gemeinden kein offenes Hinderniß in den Weg, mochtejedoch die neue Kirche nicht anerkennen. Je weiter aber die Bewegung vorschritt,um so unliebsamer wurde sie den Regierungen, um so unfreundlicher wurde» dieMaßregeln derselben; doch war die Bewegung bereits stark genug, um auch unterdem Drucke dieser Maßregeln weiter fortzuschreiten. Die größte Gefahr, die demDeutschkatholicismuS und der religiösen Bcwcgllng überhaupt drohte, lag aber in derEntwickelung der Ereignisse seit dem Jahre 1848, die wir noch näher überschauenmüssen.
Die Freien Gemeinden.
Ähnlich in der Erscheinung, aber wesentlich verschieden im Princip und in derEntwickelung war die freigemeindliche Bewegung auf dem Boden der protestantischen